Die Nerven liegen blank…

Der folgende Ausriss und alle Zitate sind der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung vom 2. April entnommen, der relativ kleine Artikel zum monströs großen, kommunalen Skandal findet sich gut versteckt auf Seite 18.

Die Nerven liegen blank - Stillstand im Ihme-Zentrum - Die Sorge der Anwohner im Ihme-Zentrum wächst. Fünf Wochen nach dem Ausscheiden von US-Investor Carlyle sind die Außenstände auf dem Konto, mit dem die Betriebskosten des Komplexes finanziert werden, weiter gewachsen. Die Summe habe sich inzwischen auf rund 800.000 Euro summiert...

Hier hat sich die hannöversche Milliardärspresse einmal mehr der Aufgabe entledigt, ein bisschen simulierten Journalismus zu betreiben — und die Form, in der sich dieses zu Unrecht in hohem Ansehen stehende Blatt dieser Aufgabe entledigt hat, lässt einen deutlichen Blick auf den Chrakter derer zu, die so etwas schreiben lassen, auf toten Bäumen drucken lassen und veröffentlichen. Immerhin, eines ist daran verhalten zu loben: Im Artikel wird nicht mehr das marketingbesoffene Unwort vom „Lindenpark“ verwendet, wenn die Ruine zwischen der Ihme und der Blumenauer Straße benannt werden soll. Es ist gerade erst eine Handvoll Wochen her, dass die HAZ dieses Wort ohne eine Spur von erkennbarer Kritik in ihre Schlagzeilen gestempelt hat, den fühlenden Lindenern zur Last und einer Horde durchgeknallter Investoren zur Freude.

Aber kommen wir einmal zum Text, den der simulierte Journalismus hier produziert hat:

Die Sorge der Anwohner im Ihme-Zentrum wächst.

Bevor auch nur ein inhaltliches Wort unter der Überschrift steht, erfreut der Artikel mit dem sprachlichen Kunstgriff von den „Anwohnern im Ihme-Zentrum“. Das klingt ja auch gleich ganz anders als „Bewohner des Ihme-Zentrums“, er vermag viel besser die Tatsache zu verbergen, dass zurzeit Menschen in einer Ruine leben, die in äußerst verantwortungslose Art und Weise von einem gescheiterten Versuch der großen Gewinnschöpfung zurückgelassen wurde. Offenbar findet sich da auch kein Bewohner mehr, der sich von irgendwelchen Versprechern und Versprechungen zu dümmlichstem Jubel hinreißen lässt, wie man es noch vor vier Monaten augenreibend in einer als journalistischem Produkt getarnten Reklame lesen konnte.

Nur, damit das so klar wird, wie es klar werden sollte: In dieser Ruine leben Menschen!

Fünf Wochen nach dem Ausscheiden von US-Investor Carlyle dind die Außenstände auf dem Konto, mit dem die Betriebskosten des Komplexes finanziert werden, weiter gewachsen.

Wie erstaunlich, dass es nicht einfach Geld vom Himmel auf ein Konto regnet, nicht? Das tut es doch sonst immer, oder?

Die Summe habe sich inzwischen auf rund 800.000 Euro summiert, sagt Monika Großmann von der Bürgerinititive „Linden Ihme-Zentrum“.

Und so summiert sich die Summe, während das Geschwafel schwafelt und die jornalistische Blindheit blendet. Die nahe liegende Frage, wer für diese Entwicklung verantwortlich ist, vielleicht sogar haftbar zu machen ist, stellt niemand — dabei wäre das angesichts des größten kommunalen Millionenloches einmal so eine richtig gute Frage. Aber für gute Fragen und für die Klärung solch guter Fragen war die HAZ noch nie so recht zuständig.

Sie und die rund 500 anderen Wohnungsbesitzer befürchten, auf den laufenden Kosten für das gesamte Zentrum sitzen zu bleiben, das derzeit unter Zwangsverwaltung steht. „Es gibt kein Signal, wann das Geld überwiesen wird — die Nerven liegen hier langsam blank“, sagt Großmann.

Das Insolvenzverfahren gegen Carlyle ist noch nicht eröffnet worden. Derzeit prüfen die vorläufigen Insolvenzverwalter, ob bei den neun Projektgesellschaften des Ihme-Zentrums genug Vermögen vorhanden ist, um die Gläubiger zu bedienen.

Nun, angesichts der Tatsache, dass der gesamte „Lindenpark“-Versuch auf Pump über die Bühne gehen sollte, scheint das Ergebnis einer solchen Prüfung schon klar zu sein. Aber vielleicht wird das Geld ja bei einer sorgfältigen Zählung vermehrt…

[…] Die laufenden Einnahmen […] sind vor allem Mietzahlungen von Stadt und Stadtwerken von rund 6,2 Millionen Euro pro Jahr.

Die paar laufenden Einnahmen sind vor allem „dummes Geld“, also das Geld anderer Leute, das von Stadt und ehemals städtischen Institutionen ohne eine Spur der Vernunft verschleudert wird. Es steht zu erwarten, dass auch die Fehlbeträge mit derartigem „dummen Geld“ beglichen werden — und die Bürgen Bürger der Stadt sind die Dummen.

Offenbar sei das von Carlyle hinterlassene Firmengeflecht so komplex, dass schnelle Entscheidungen verhindert würden, sagt Großmann.

Alles andere hätte mich auch erstaunt. Warum sollte bei einem derartigen Unterfangen auch mit durchschaubaren Strukturen aufgetreten werden — es ging doch vor allem um das schnelle, heuschreckartige Absahnen und anschließende Verschwinden mit dem Profit. Transparenz ist da nur hinderlich.

Aber es gibt auch eine „gute“ Nachricht, die von der HAZ vermeldet wird:

[…] Zugleich liefen Vorbereitungen, die nach dem Baustopp stillgelegte Tiefgarage wieder zu öffnen. Um diese verkehrssicher zu machen, müssen dem Vernehmen nach etwa 250.000 Euro investiert werden.

Zwar ist das Menschenschließfach aus den Siebziger Jahren nur noch eine unbewohnbare Ruine, aber Autos soll man schon bald wieder abstellen können. Das ist doch toll! Da muss doch gleich noch ein bisschen Geld reingebuttert werden! Ist ja auch nur so eine Viertelmillion Euro! Am besten geschieht dies in der gewohnten Planlosigkeit, und am besten werden genau jene Unternehmen mit dem Aufmöbeln der Ruinen-Garage beauftragt, die in den vergangenen anderthalb Jahren schon „Erfahrung“ mit der Geldverbrennung im Ihme-Zentrum gesammelt haben.

Wisst ihr eigentlich, wie man den architektonischen Stil des Ihme-Zentrums nennt? Obwohl einem beim Anblick dieser körperverletzenden Scheußlichkeit der Hals so anschwillt, dass die Worte nicht mehr kommen wollen, ist den Architekturhistorikern ein Wort für diesen vom rohen Beton und den sichtbaren Strukturen der Holzverschalungen geprägten Stil eingefallen. Sie sprechen vom „Brutalismus“ — und in der Tat, das ist ein trefflich Wort! Jedes Mal, wenn man dieses Mahnmal sieht oder darüber liest, ist es wie ein Schlag in die Fresse.

Vielleicht sollte sich einfach eine Bürgerinitiative gründen, die veranlasst, diesen Zeugen der wichtigen europäischen Stilepoche des Brutalismus unter Denkmalschutz zu stellen, damit er mit öffentlichen Mitteln in den „Auslieferungszustand“ zurück versetzt werden kann. Das wäre zwar scheußlich, aber bei weitem nicht so übel wie der jetzige Zustand. Dass „Denkmäler“ keineswegs schön sein müssen, belegt die zwar außerhalb Lindens, doch in Blicknähe stehende BBS 4, die ebenfalls unter Denkmalschutz steht.

3 Kommentare zu Die Nerven liegen blank…

  1. » Ach, und das Ihmezentrum gibt es auch no … Nachtwächter-Blah | 3. April 2009, 15:33 Uhr

    […] und das Ihmezentrum gibt es auch noch… […]

  2. FS | 3. April 2009, 16:27 Uhr

    Auf HAZ.de war der Artikel am 02.04. der Aufmacher (http://www.haz.de/Hannover/Aus-den-Stadtteilen/West/Anwohner-im-Ihme-Zentrum-fuerchten-Sonderumlagen).

    Das Verhalten der Stadt in dieser Beziehung gleicht dem Sprichwörtlichen Selbstmord aus Angst vor dem Tod. Um den Abriss nicht zahlen zu müssen zahlt sie für den Erhalt des Klotzes – dass sie ihn langfristig retten kann bezweifele ich aber.

  3. Kurt vom Deisterplatz | 3. April 2009, 19:31 Uhr

    Weil dieses doofe Langwortverhinderungsdings die URL umgebrochen hat, hier noch einmal der Link

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