Immer im Kreis

Und immer noch herrscht Kreisverkehr am Deisterplatz, die einen wollen rein und die andern wollen raus. Davon kann einem schon manchmal ganz schwindelig werden.

Rein wollten zum Beispiel die Hausbesetzer in die Limmerstraße 98, aber vor ihnen wollte auch ein neuer Besitzer rein, um das Haus abzureißen und es durch etwas zu ersetzen, das wohl nicht hübscher sein wird. So kamen die Polizisten reingestürmt, die Besetzer mussten wieder raus und in den nächsten Tagen oder Wochen wird wohl die Abrissbirne etwas zu tun bekommen. Wer etwas besitzt, wird nun einmal vom Geld entschieden, und wer etwas besetzt, weiß das eigentlich. Das liegt alles an Orrmpt.

Orrmpt war einer unserer Vorfahren. Von uns ist er durch den trägen Strom der Jahrtausende getrennt. Er hatte eine dichtere Behaarung als die meisten heute lebenden Menschen und lebte in einer Zeit dünnerer Besiedlung zusammen mit einigen anderen Wesen, die ebenfalls so einen kuscheligen Haarwuchs hatten, irgendwo in einer sumpfigen, mückenverseuchten Ebene. Eines sommerlichen Morgens, als die Sonne sich über dem feuchten Wald erhob, und als die Vögel in den neuen Tag zwitscherten, als wollten sie damit ihre kleinen Kehlchen zerstören — Twitter war noch nicht erfunden, ja, noch nicht einmal das elektrische Licht, und eine besonders starkbehaarte Expertenkommission hatte gerade erst festgestellt, dass „rund“ eine bessere Form fürs Rad ist als „dreieckig“ — da wachte diese ganze kleine Gemeinschaft auf und ging mit fröhlichem, monotonen Gesang an die unausweichlichen Tätigkeiten eines neuen Tages. Überall um Orrmpt herum sah man Wesen, die ihm brüderlich ähnlich sahen, beim Herstellen von Werkzeug, beim Fischfang, beim Teilen der Jagdbeute von gestern, beim Sammeln von Beeren und beim Ficken. Nur Orrmpt machte das alles nicht mit. Er saß mit grießgrämigem Gesichtsausdruck — selbst durch den bärenhaften Bart war das unübersehbar — auf einem großen Stein, der nahe bei der primitiven Siedlung lag. Als ein anderes dieser Wesen an Orrmpt vorbeiging, fiel ihm auf, dass etwas mit Orrmpt nicht stimmte, und es grunzte: „Sachma, Orrmpt, was sitzte hier so miesgelaunt? Haste Verstopfung?“ Und Orrmpt antwortete in einem etwas bellenderem Tonfall als sonst: „Auf diesem Stein, da sitze ich, ja, dieser Stein ist mein Besitz“. Ein drittes dieser Wesen, das schon länger etwas Abstand zu den anderen in der Gruppe hielt und sich auch vor diesen ganzen Tätigkeiten zu drücken suchte, die jeder neue Tag immer wieder von Neuem mit sich brachte, hörte dieses Gespräch und ging daraufhin entschlossen auf die beiden zu und grunzte zu Orrmpt gewandt: „Und ich bin Rechtsanwalt und stelle dir jetzt in doppelter Ausführung eine Besitzurkunde aus, zusammen mit meiner Kostennote.“ Und so hat die ganze Scheiße eben angefangen.

Aber wer meint, dass die fragwürdige „Aufwertung“ des Stadtteils Linden… sorry… innenstadtnahen Wohnquartiers Linden nicht einfach einsetig denen überlassen werden sollte, die darin das gute Geschäft sehen, hat an sich meine volle Sympathie. Schade nur, dass die Hausbesetzer in ihrer Selbstdarstellung so mit den Menschen kommuniziert haben, die direkt vom Zerfall Lindens betroffen sind, dass meine Sympathie auch gleich wieder erstickte — und auch ansonsten haben sie ja gar nicht so recht eingesehen, wozu dieses Ding namens Kommunikation gut sein könnte. Ja, sie klangen fast schon ein bisschen wie Orrmpt…

Es geht eben immer nur im Kreise am Deisterplatz.