Vom Rein, Raus und vom Schmuck

Da steht man hier am Deisterplatz, der Sommer ist angenehm schwül, das Bier, das will fließen immerfort die trockene Kehle hinab und alles fährt nur immerfort im Kreis — die einen wollen eben rein, und die andern wollen raus. Dass dem ollen Turm noch nicht schwindlig geworden ist…

Ist euch eigentlich aufgefallen, wie still es um das Ihmepark Lindenzentrum (oder so ähnlich) geworden ist? Nichts mehr hört man von diesem angesoffenen Plan einiger durchgeknallter Kaufleute, einen Haufen rottigen Stahlbetons als einen „Park“ zu verkaufen und damit die Leute für dumm verkaufen zu wollen. Bei der Stadt Hannover hat man sich ja für dumm genug verkaufen lassen, um diesen gefährlichen Dummfug in jeder nur erdenklichen Weise zu fördern, und die hannöversche Presse  hat fast so getan, als wisse sie gar nichts von den Robusten Wirklichkeiten, die da zwischen den trüben Fluten der Ihme und einer Blumenauer Straße angehäuft wurden, die eben so „hübsch“ ist, wie eine Durchgangsstraße ohne besonderes Leben nun mal „hübsch“ ist. Alles vorbei. Carlyle wollte eine Menge Geld mit dem Irrsinn reinkriegen und ist jetzt raus, die Bewohner des Ihmezentrums sind immer noch drin in ihrem Mahnmal des Brutalismus und ein wenig andächtiges, dafür umso mehr der Verdrängung dienendes Schweigen hat sich breit gemacht. Neulich haben sich da in Hannover sogar so ein paar total spezielle Extra-Spezialexperten hingesetzt, um darüber zu reden, ob das „Konzept Linden-Park“ in der jetzigen Lage überhaupt noch angemessen ist. Ach! Hätten sie sich diesen Kopf nur vorher gemacht, die Großkopferten! Was wäre uns allen erspart geblieben.

Sehr schön übrigens die Financial Times Deutschland:

Ein hohes Risiko ist dagegen die Landesbank Berlin (LBB), inzwischen allein in der Hand der Sparkassen, im Ihme-Zentrum eingegangen: Zeitungen nennen die Wohn- und Shoppinganlage unweit der City von Hannover mittlerweile den „größten Schrotthaufen Niedersachsens“. Seit Februar ruhen hier die Umbauarbeiten. Bei der Errichtung Anfang der 70er hatte der fast einen Kilometer lange Bau das größte Fundament Europas, rund 2000 Menschen wohnen hier. Nun haben sich Töchter des US-Finanzinvestors Carlyle beim Umbau einer riesigen Einkaufspassage im Ihme-Zentrum verhoben. 200 Mio. Euro sollten investiert werden. Jetzt regiert hier der Insolvenzverwalter. Hauptgläubigerin des Minus-Projekts: die LBB.

Und da sagen diese Spinnköppe immer, ich sei negativ!

Die Frage, wer die Rechnung für den hellen Wahn bezahlt, wird sich in den nächsten Monaten von allein beantworten. Und jeder, der lieber das dumme Geld des Staates und der Stadt in wirklich nachhaltige und zukunftsfördernde Infrastruktur gesteckt gesehen hätte, also zum Beispiel in öffentliche Leihbüchereien, der kann nur noch so lange seinen Kopf gegen die nächste Wand schlagen, bis der bohrende Schmerz im Hirne nachlässt.

Nein, da muss man als schnodderiger Deist des Geisterplatzes den Blick, der im grellen Sommer trüb zu werden droht, doch schnell an einem anderen Orte nach dürrem Troste suchen lassen.

Kennt ihr eigentlich den Schmuckplatz? Klar, wer am Kötnerholzweg lebt oder öfter mal die Ahlemer Straße heruntergeht, der kennt den Schmuckplatz. Viele Orte in Linden haben recht unpassende Namen, es gibt zum Beipspiel eine Stärkestraße, in der viele sozial Schwache leben, eine Pavillionstraße, unter deren Mietskasernen man alles mögliche findet, aber keine freistehenden Gebäude oder auch eine Grotestraat, de is sowat von lütt. Aber wenn ich einen Kandidaten für die unpassendste offizielle Bezeichnung in Linden benennen müsste, denn nähme ich den Schmuckplatz, denn der…

Schmuckplatz — ein Schmuck ist das nicht!

…ist alles andere als ein Schmuck.

Und zwar schon seit Jahren nicht mehr.

Früher einmal, als ich noch ein kleiner Kuddel war und die Welt verheißungsvoll und der Himmel blau erschien, da war das ein Spielplatz. Genau richtig für alle Kinder,  die von ihren Eltern gegen karzinogene Abgasbestandteile abgehärtet werden sollten. Es war kein stark frequentierter Spielplatz, und deshalb ist es vielen wohl kaum aufgefallen, dass da auf einmal ein Zaun drumherum war. Wem es aber auffiel, der ging einmal hin, zu sehen, warum man denn jetzt diesen hübschen Platz abgesperrt hatte. Und wer Augen hatte, um zu sehen, der sah am Zaun ein Schild. Dieses trug die Aufschrift „Dieser Spielplatz ist wegen Schadstoffbelastung vorübergehend gesperrt“ — in der Tat, diese Sperrung war „vorübergehend“, denn auch die vielen Jahre der Sperrung gingen einmal vorbei. Mancher fragte sich im Vorübergehen, ob die Schadstoffe auch ja auf den Zaun achten würden und nicht etwa auf die Idee kommen, auch ein bisschen in die Umgebung zu diffundieren.

Ja, und irgendwann wurde der Schmuckplatz eben „saniert“ und umgebaut. Er sieht jetzt so aus wie auf dem Foto und könnte ja durchaus ein hübsches Schmuckstück in Linden-Nord sein, wenn er nur hübsch wäre.

Nee, die einen wollen rein, die andern wollen raus und ich bleib einfach drinnen, bis man mich hier rausträgt. Und ich freue mich über das bunte Treiben derer, die hier unter dem üblichen Lug der lokalen Journaille ihre Geschäftchen treiben wollen — und scheinbar doch nicht zum Zuge kommen. So ein Zeitgenosse, der mich über meinen „Wohnstandort“ im „städtischen Quartier“ Linden und seinem „Image“ ausbefragen wollte, ist mir jedenfalls nicht übern Weg gelaufen. Dafür habe ich jede Menge heiterer, handgeschriebener und fotokopierter Zettelchen überall kleben gesehen, die vor diesen neuerlichen Anlauf zum Ausverkauf Lindens gewarnt haben. Die Zettelchen wurden zwar immer wieder abgerissen, sie wurden aber auch immer wieder neu geklebt — und im Gegensatz zur herrgottsdummen Bullshit-Sprache des offenbar gekauften Artikels im Lindenspiegel, mit der den Menschen in Linden dieser vergiftete Keks schmackhaft gemacht werden sollte, waren diese Zettelchen in einem allgemein verständlichen Deutsch beschriftet. Ob da den Heimatverkaufsgeologen wohl so viel Widerstand entgegen gekommen ist, dass sie sich lieber eine Zeit mit etwas geringerer allgemeiner Aufmerksamkeit aussuchen wollten?

Es dreht sich eben alles im Kreise. Vor allem dort, wo der Schwindel betrieben wird.

Gruß auch an Nicolas!

Die Nerven liegen blank…

Der folgende Ausriss und alle Zitate sind der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung vom 2. April entnommen, der relativ kleine Artikel zum monströs großen, kommunalen Skandal findet sich gut versteckt auf Seite 18.

Die Nerven liegen blank - Stillstand im Ihme-Zentrum - Die Sorge der Anwohner im Ihme-Zentrum wächst. Fünf Wochen nach dem Ausscheiden von US-Investor Carlyle sind die Außenstände auf dem Konto, mit dem die Betriebskosten des Komplexes finanziert werden, weiter gewachsen. Die Summe habe sich inzwischen auf rund 800.000 Euro summiert...

Hier hat sich die hannöversche Milliardärspresse einmal mehr der Aufgabe entledigt, ein bisschen simulierten Journalismus zu betreiben — und die Form, in der sich dieses zu Unrecht in hohem Ansehen stehende Blatt dieser Aufgabe entledigt hat, lässt einen deutlichen Blick auf den Chrakter derer zu, die so etwas schreiben lassen, auf toten Bäumen drucken lassen und veröffentlichen. Immerhin, eines ist daran verhalten zu loben: Im Artikel wird nicht mehr das marketingbesoffene Unwort vom „Lindenpark“ verwendet, wenn die Ruine zwischen der Ihme und der Blumenauer Straße benannt werden soll. Es ist gerade erst eine Handvoll Wochen her, dass die HAZ dieses Wort ohne eine Spur von erkennbarer Kritik in ihre Schlagzeilen gestempelt hat, den fühlenden Lindenern zur Last und einer Horde durchgeknallter Investoren zur Freude.

Aber kommen wir einmal zum Text, den der simulierte Journalismus hier produziert hat:

Die Sorge der Anwohner im Ihme-Zentrum wächst.

Bevor auch nur ein inhaltliches Wort unter der Überschrift steht, erfreut der Artikel mit dem sprachlichen Kunstgriff von den „Anwohnern im Ihme-Zentrum“. Das klingt ja auch gleich ganz anders als „Bewohner des Ihme-Zentrums“, er vermag viel besser die Tatsache zu verbergen, dass zurzeit Menschen in einer Ruine leben, die in äußerst verantwortungslose Art und Weise von einem gescheiterten Versuch der großen Gewinnschöpfung zurückgelassen wurde. Offenbar findet sich da auch kein Bewohner mehr, der sich von irgendwelchen Versprechern und Versprechungen zu dümmlichstem Jubel hinreißen lässt, wie man es noch vor vier Monaten augenreibend in einer als journalistischem Produkt getarnten Reklame lesen konnte.

Nur, damit das so klar wird, wie es klar werden sollte: In dieser Ruine leben Menschen!

Fünf Wochen nach dem Ausscheiden von US-Investor Carlyle dind die Außenstände auf dem Konto, mit dem die Betriebskosten des Komplexes finanziert werden, weiter gewachsen.

Wie erstaunlich, dass es nicht einfach Geld vom Himmel auf ein Konto regnet, nicht? Das tut es doch sonst immer, oder?

Die Summe habe sich inzwischen auf rund 800.000 Euro summiert, sagt Monika Großmann von der Bürgerinititive „Linden Ihme-Zentrum“.

Und so summiert sich die Summe, während das Geschwafel schwafelt und die jornalistische Blindheit blendet. Die nahe liegende Frage, wer für diese Entwicklung verantwortlich ist, vielleicht sogar haftbar zu machen ist, stellt niemand — dabei wäre das angesichts des größten kommunalen Millionenloches einmal so eine richtig gute Frage. Aber für gute Fragen und für die Klärung solch guter Fragen war die HAZ noch nie so recht zuständig.

Sie und die rund 500 anderen Wohnungsbesitzer befürchten, auf den laufenden Kosten für das gesamte Zentrum sitzen zu bleiben, das derzeit unter Zwangsverwaltung steht. „Es gibt kein Signal, wann das Geld überwiesen wird — die Nerven liegen hier langsam blank“, sagt Großmann.

Das Insolvenzverfahren gegen Carlyle ist noch nicht eröffnet worden. Derzeit prüfen die vorläufigen Insolvenzverwalter, ob bei den neun Projektgesellschaften des Ihme-Zentrums genug Vermögen vorhanden ist, um die Gläubiger zu bedienen.

Nun, angesichts der Tatsache, dass der gesamte „Lindenpark“-Versuch auf Pump über die Bühne gehen sollte, scheint das Ergebnis einer solchen Prüfung schon klar zu sein. Aber vielleicht wird das Geld ja bei einer sorgfältigen Zählung vermehrt…

[…] Die laufenden Einnahmen […] sind vor allem Mietzahlungen von Stadt und Stadtwerken von rund 6,2 Millionen Euro pro Jahr.

Die paar laufenden Einnahmen sind vor allem „dummes Geld“, also das Geld anderer Leute, das von Stadt und ehemals städtischen Institutionen ohne eine Spur der Vernunft verschleudert wird. Es steht zu erwarten, dass auch die Fehlbeträge mit derartigem „dummen Geld“ beglichen werden — und die Bürgen Bürger der Stadt sind die Dummen.

Offenbar sei das von Carlyle hinterlassene Firmengeflecht so komplex, dass schnelle Entscheidungen verhindert würden, sagt Großmann.

Alles andere hätte mich auch erstaunt. Warum sollte bei einem derartigen Unterfangen auch mit durchschaubaren Strukturen aufgetreten werden — es ging doch vor allem um das schnelle, heuschreckartige Absahnen und anschließende Verschwinden mit dem Profit. Transparenz ist da nur hinderlich.

Aber es gibt auch eine „gute“ Nachricht, die von der HAZ vermeldet wird:

[…] Zugleich liefen Vorbereitungen, die nach dem Baustopp stillgelegte Tiefgarage wieder zu öffnen. Um diese verkehrssicher zu machen, müssen dem Vernehmen nach etwa 250.000 Euro investiert werden.

Zwar ist das Menschenschließfach aus den Siebziger Jahren nur noch eine unbewohnbare Ruine, aber Autos soll man schon bald wieder abstellen können. Das ist doch toll! Da muss doch gleich noch ein bisschen Geld reingebuttert werden! Ist ja auch nur so eine Viertelmillion Euro! Am besten geschieht dies in der gewohnten Planlosigkeit, und am besten werden genau jene Unternehmen mit dem Aufmöbeln der Ruinen-Garage beauftragt, die in den vergangenen anderthalb Jahren schon „Erfahrung“ mit der Geldverbrennung im Ihme-Zentrum gesammelt haben.

Wisst ihr eigentlich, wie man den architektonischen Stil des Ihme-Zentrums nennt? Obwohl einem beim Anblick dieser körperverletzenden Scheußlichkeit der Hals so anschwillt, dass die Worte nicht mehr kommen wollen, ist den Architekturhistorikern ein Wort für diesen vom rohen Beton und den sichtbaren Strukturen der Holzverschalungen geprägten Stil eingefallen. Sie sprechen vom „Brutalismus“ — und in der Tat, das ist ein trefflich Wort! Jedes Mal, wenn man dieses Mahnmal sieht oder darüber liest, ist es wie ein Schlag in die Fresse.

Vielleicht sollte sich einfach eine Bürgerinitiative gründen, die veranlasst, diesen Zeugen der wichtigen europäischen Stilepoche des Brutalismus unter Denkmalschutz zu stellen, damit er mit öffentlichen Mitteln in den „Auslieferungszustand“ zurück versetzt werden kann. Das wäre zwar scheußlich, aber bei weitem nicht so übel wie der jetzige Zustand. Dass „Denkmäler“ keineswegs schön sein müssen, belegt die zwar außerhalb Lindens, doch in Blicknähe stehende BBS 4, die ebenfalls unter Denkmalschutz steht.