Zu klobig!

Denn worum geht es bei dem Millionenprojekt eigentlich? Die Straßenbahnlinie muss mit neuen Hochbahnsteigen barrierefrei gemacht werden, was direkt vor dem Bahnhof aber wegen der klobigen Ausmaße dieses Bahnsteigtyps nicht erwünscht ist. Deshalb soll die Trasse hinter den Bahnhof geführt werden.

Dass Hochbahnsteige „zu klobig“ für den recht weiträumigen Platz vorm hannöverschen Hauptbahnhof sind, bedeutet aber noch lange nicht, dass sie auch „zu klobig“ für die relative Enge der Limmerstraße wären? Ich verstehe…

Lindenspiegel im Wandel

Wir erinnern uns. Im Juni vergangenen Jahres beizte der Lindenspiegel die Gehirne mit seiner aufdringlichen Reklame (natürlich im redaktionellen Teil) für Vorfeldmaßnahmen zum weiteren menschlichen Rückbau Lindens, so dass ich fast in die Zeitung gekotzt hätte. Überschrieben war der als studentische Umfrage verpackte Scheiß mit dem Titel „Linden im Wandel„, aber in Wirklichkeit befindet sich nur der Lindenspiegel im Wandel. Er folgt dem gesellschaftlichen Trend zur intellektuellen Ghettobildung und besteht folglich auch aus zwei Teilen: Der inliegenden „Interkulturellen Stadtteil Zeitung“, die vieles von der bunten Wirklichkeit unserer Heimat abbildet, und dem scheinbar journalistischen Blatt, dass in erheblichen Teilen zu einer Verdummung frisch aus der Rotationsmaschine verkommen ist. Gleich, ob dabei unter dem lächerlichen Vorwand einer „gesundheitlichen Aufklärung“ heiter für allerlei mehr oder weniger wirksame Mittelchen aus den Apotheken und aus der Quacksalberei der Schönheits- und Lifestyle-Branche Reklame gemacht wird, oder ob offenbar irgendwelche schnell abgeschriebenen Presseerklärungen notdürftig um ein paar Sätze ergänzt werden, damit auch der Eindruck von Pressearbeit entstehe. Am Deisterplatz, wo sich immer noch alles im Kreise dreht, wenn die einen rein und die anderen raus wollen, flatterte mir die Februar-Ausgabe dieses in die wehrlosen Briefkästen gestopften Käseblattes vor die Füße.

Dieses Blatt, das sich noch am besten dazu eignet, zu einer Spucktüte gefaltet zu werden, damit man es besser vollgöbeln kann, nahm noch einmal Bezug auf die „studentische Untersuchung“, die im vergangenen Sommer unter der Leitung von Frau Dipl.-Geogr. B. Tutkunkardes durchgeführt wurde. Natürlich wurde dabei nicht erwähnt, dass in ganz Linden Flugzettel geklebt und — im Gegensatz etwa zur wild plakatierten Werbung — auffällig beflissen auch entfernt wurden, die das Fragwürdige dieser Untersuchung in den Sinn rufen wollten, und es wurde auch nicht mehr so viel von den „Veränderungen der baulichen, sozialen und kommerziellen Struktur […], die insgesamt eine Aufwertung und einen sukzessiven Imagewandel der Altbauquartiere mit sich bringen“ gefaselt, sondern etwas sehr anderes, aber lest es doch selbst:

Linden ist Gegenstand eines Europäischen Forschungsprojektes

Was kann Stadtplanung zur Sicherheit der Bürger beitragen?

In der Tat, eine drängende Frage in einem Stadtteil, in dem sich die meisten darin lebenden Menschen recht wohl und gar nicht unsicher fühlen. Diese Frage wird dann auch beantwortet. Offen bleibt jedoch die Frage, warum die Schmierfinken, die diesen Artikel hingerotzt haben, so sehr auf die Vergesslichkeit der Menschen in Linden bauen können. Das hier heißt Linden, nicht Alzheim.

Im letzten Jahr gab es im Rahmen eines studentischen Projekts eine Umfrage unter Lindener BürgerInnen zur Einschätzung ihres Stadtteils.

Ja, diese Umfrage gab es, wir wissen es noch genau. In dieser Umfrage ging es um alles mögliche, aber selbst der so energisch kommentierende Fürsprecher namens Nicolas nahm nicht das Wort von der Sicherheit in den Mund. Immerhin wurde uns in seinem Kommentar sogar vorgeworfen, eine „Weltverschwörung“ an die Wand zu malen, wo es doch nur um ein ganz kleines, ach so wohltätiges lokales Projekt ginge — übrigens ein Wort, das der Leser eher in seinem Kopfe als in der Kritik seiner Untaten fand. Nun, eine Weltverschwörung liegt immer noch nicht vor, aber immerhin schon einmal ein „Europäisches Forschungsprojekt“… ;-)

Der Lindenspiegel berichtete darüber und stellte im September die Ergebnisse vor. Linden wurde von der großen Mehrheit seiner BewohnerInnen außerordentlich positiv und als interessant und lebenswert beurteilt.

Und das soll sich nun ändern… :mrgreen:

Was aber macht einen lebenswerten Stadtteil aus?

Vielleicht die Tatsache, dass er so ist wie Linden? Bunt, lebendig, größtenteils harmlos und sehr vielfältig? Und dass in einem solchen Stadtteil nicht nur irgendwelche Entseelungsreste rumlungern, die aus jedem menschlichen Miteinander einen sozial optimierten Geschäftsvorgang machen wollen?

Ich meine ja nur mal so, als Nichtwisschenschaftler. Aber beim Lindenspiegel schreibt man lieber etwas ganz anderes ab, um die erste Seite des Blattes zu bestempeln.

Aspekte dabei sind u. a. die gefühlte Sicherheit und das tatsächliche Kriminalitätsaufkommen.

Ah ja! Mehr Polizisten, Überwachungskameras und weniger öffentlicher Raum, der zum kostenlosen Verweilen und Leben einlädt. Schon ist dieses ganze Pack — sorry: — schon sind die Lindener von der Straße und alles sieht viel sicherer aus.

(Vielleicht als kleine Krone noch ein Gefängnisneubau an Stelle des Ihmezentrums? Die Burg-Ästhetik passt ja schon ganz gut.)

Das Landeskriminalamt Niedersachsen hat hierzu ein internationales EU-Forschungsprojekt initiiert, das die Lindener BürgerInnen mit einbinden soll.

Hmm, kommt mir bekannt vor:mrgreen:

Seit […]

Wie, das läuft schon? Haben wir aber gar nichts von mitbekommen. Da hatte der Lindenspiegel wohl noch keine Unterlagen, was? Und das hat gar nichts mit diesem „studentischen Projekt“ zu tun, das nur zufällig…

[…] dem  01.07.2009 […]

…an so einem ähnlichen Termin begann und nur zur Zierde eingangs des tollen und gewohnt hochqualitativen Artikels im Lindenspiegel erwähnt wurde.

Ebenfalls ist es wohl nur ein Zufall, dass dieses Thema gar nicht existierte, als diese Studenten da letzte Woche im Freizeitheim Linden in trauter Gemeinschaft mit dem Stadtplanungsamt ihre lieblichen Ideen zur Vernichtung meiner Heimat vorgestellt haben. Die werden da ja nur zur Zierde erwähnt, deshalb wissen die auch nichts davon. Und einige scheinen zu glauben, dass die Menschen in Linden ihren Kopf nur für den Friseur tragen.

[…] läuft das Projekt „PluS — Planning urban Security / Planung urbaner Sicherheit“ […]

Und nicht vergessen. Das „u“ in „urban“ wird nicht als „ö“ ausgesprochen, sondern als langgezogenes Schwa. Oder vielleicht doch gleich das deutsche Wort nehmen. Heißt ja genau so, schreibt sich genau so und die Abk. bleibt auch gleich. Ach ja, „urban“ kommt übrigens vom lateinischen Adjektiv „urbanus“, das so viel wie „zur Stadt gehörend“ bedeutet. Klingt ja auch gleich viel gebildeter, wenn man mit den Leuten Fremdsprachen spricht.

[…] zur Kriminalprävention im Städtebau.

*prust!*

Das Projekt untersucht, wie man durch gezielte Maßnahmen im Städtebau die Sicherheitslage beeinflussen und die Anzahl von Straftaten reduzieren kann.

Und ich dachte immer, deshalb kreist der Hubi so oft über Linden und raubt uns die Ruhe.

Mein Vorschlag, ganz unwisschenschaftlich: Ausgehverbot bei Dunkelheit, Totalüberwachung, Verbot öffentlicher Versammlungen von mehr als null Leuten und vor allem die Menschen von der Straße holen. Aber diese Wisschenschaftler wissen das bestimmt besser. Vor allem, besser auszudrücken.

Als herausragendes Beispiel für verbesserungswürdige Stadtplanung sei hier nur das in Linden allseits so beliebte Ihmezentrum genannt.

Oh, da hat doch tatsächlich jemand einen Absatz in den beim Hinschauen wie übernommen aussehenden Text reingebastelt. Neben so viel Realsatire kommt die Ironie aber leider nicht durch.

Zusammen mit PartnerInnen aus Deutschland (Hannover), Großbritannien (Manchester), Polen (Stettin) und Östereich (Wien) soll u. a. den Fragen nachgegangen werden, welche kriminalpräventiven Ansätze im Städtebau es in Europa bereits gibt und welche Maßnahmen auf andere Länder übertragen werden können, um die Sicherheitslage zu verbessern.

Was das nun für obskure Partner_innen (scheiß alternativtümelnde BinnenMajuskel!) sein sollen, wird in der Fülle dieses Textes besser verschwiegen. Statt dieser wirklich interessanten Information gibt es noch ein bisschen Blah:

 Das Bedürfnis nach Sicherheit ist für das Wohlbefinden der Bürgerinnen und Bürger von großer Bedeutung. Dieses subjektive Sicherheitsbedürfmnis lässt sich u.a. auch durch kriminalpräventive Maßnahmen im Städtebau positiv beeinflussen.

Ich sags ja, Blah. „Sicherheitsbedürfnis“ und „Maßnahmen“, kein WAS, kein WIE, nur WO — nämlich hier, in Linden.

Dabei gibt es bereits sichtbare Erkenntnisse aus Hannover-Linden.

Meint ihr damit jetzt die Wirtschaftskriminaltät, die uns dieses tolle Ihmezentrum zur Ruine gemacht hat?  In der Tat, vor so einer Scheiße von herzzerfressenen Arschlöchern ist auch in Linden keiner sicher.

Aber, um es noch einmal zu wiederholen, kein WAS, kein WIE, nur WO.

Ist Linden besser als sein Ruf?

Neben konkreten baulichen Maßnahmen, wie Verbesserung der Orientierung durch klare Wegeführung — im Ihmezentrum zweifellos dringend erforderlich — […]

Ach so, ihr wollt ein paar Wegweiser in einer langsam vor sich hin rottenden Großbaustelle haben. Na, das ist doch endlich einmal ein WAS und ein WIE, und was für eines! Da freut sich doch jeder, der da im Dreck leben muss, den Carlyle in Zusammenarbeit mit der Stadt Hannover hinterlassen hat.

[…] die Zuordnung privater Bereiche […]

Hmm

[…] und eindeutige Verteilung von Verantwortlichkeiten, spielt die Gegenüberstellung der tatsächlichen Kriminalitätslage mit der vorhandenen subjektiven Kriminalitätsfurcht der BürgerInnen eine große Rolle.

Hey, geil! Die Polizei will politische Aufklärungsarbeit leisten? :D

Das ist ein Schritt in die richtige Richtung. Aber nicht das gelegentliche Anlegen der Handschellen vergessen…

Das Untersuchungsgebiet in Linden-Mitte umfasst das Gebiet zwischen der Stephanusstraße, Falkenstraße, Ihmepassage und Blumenauer Straße.

Na, das ist doch eine gute Nachricht. Da ist ja auch dieses Sozpäd-Ghetto namens Gilde-Carré drin, und darin finden sich gewiss ein paar Neulindener, die ihre in der VR China gefertigte Tibet-Fahne schwenken, wenn sie ihrer Sehnsucht nach mehr Sicherheit Ausdruck verleihen — eine einfache Mauer reicht wohl nicht. Mit diesen netten Zeitgenossen, die sich leider noch nicht die schnieke Eigentumswohnung in der List leisten können, muss man sich ja schon öfter mal herumschlagen.

Ab Mitte Februar wird es eine Fragebogenaktion geben. Über 1000 Personen aus diesem Bereich werden nach dem statistischen Zufallsprinzip ausgewählt und gebeten, an der Befragung teilzunehmen.

Übrigens: Es gibt zwar ein Zufallsprinzip, und es gibt in der Statistik eine zufällig ausgewählte Stichprobe, aber das statistische Zufallsprinzip ist mir noch nicht begegnet. Ist damit jetzt gemeint, dass die Auswahl bei einer statistischen Untersuchung zufällig aussieht?

Über den Postweg oder online können Sie […]

Holla, ein großgeschriebenes „S“, ich fühle mich total persönlich angesprochen!

[…] dann Ihre Meinung zur Sicherheitslage im Stadtteil abgeben, […]

Da wird aber so richtig durchgemeint! Zum Ankreuzen!

[…] damit die Polizei als Partner im Städtebau […]

Bislang kannte ich Mitmensch Polizeibeamter vor allem mal mit einer Haltekelle. Aber so eine Maurerkelle ist auch ganz sympathisch.

(Ich muss mal aufs Klo, das Lachen lässt meine Blase explodieren.)

[…] bürgernah und gut vorbereitet […]

Auf was?

[…]  in den bereits erwähnten Ländervergleich gehen kann.

Wow! Ein Ländervergleich! Das ist ja fast schon eine Europameisterschaft! JEETZT GEEHTS LOOS! LINDEN WIRD MEISTER!

In was?

Natürlich darin, ein für die Polizei gut behandelbarer Stadtteil zu sein. MEISTER… *gröhl!*

Was kommt für Linden dabei heraus?

Letztendlich […]

Gutes erstes Wort. Zusammengesetzt aus Letzt und Ende.

[…] geht es um die Verbesserung der Lebensbedinungen unter der Perspektive eines friedlichen und möglichst konfliktfreien Zusammenlebens durch das Zusammenspiel von gebauter Umwelt und sozialräumlichen Engagement.

Manchem Bullshit begegnet man noch am besten, wenn man ihn gewähren lässt…

So, und jetzt ist dem Gestalter der Titelseite des Lindenspiegels noch ein weiterer Absatz selbst eingefallen, den er als Einfall in den Text fallen ließ, damit bei uns der Groschen fällt:

Es sollen Missstände wie sie zum Beispiel durch die Architektur des Ihme-Zentrums verursacht werden durch dieses Projekt auch aufgedeckt werden!

[Ausrufezeichen, Stilschwäche und Kommafehler aus dem Original, nicht von mir.]

Wer sich näher informieren will, wird vielleicht das folgende Angebot schätzen — es wäre wohl günstig, wenn eine gut gebildete und heimatverbundene Meinung nebst einiger Flaschen Herri zum besseren Ertragen des Gefasels mitgebracht werden:

Info-Veranstaltung

Eine öffentliche Informationsveranstaltung zu diesem Projekt findet am Mittwoch, 11. Februar ab 19 Uhr in der Aula der Grundschule Am Lindener Markt statt.  Dort, sowie unster www.plus-eu.com gibt es weiterführende Informationen für interessierte BürgerInnen.

Da kann man doch gar nicht widerstehen! Aber vielleicht widerstehen. Zur Hilfe und zur Motivation hier noch ein kleines Zitat der Website des Projektes — gemeint ist hier Linden, unsere Heimat:

„PluS“ baut auf der Erkenntnis auf, dass sich soziale Unordnung z.B. auf Grund von Armut, Arbeitslosigkeit, Desintegration und Delinquenz aus mehreren Gründen häufig in benachteiligten Stadtteilen ballt. Die Folge ist nicht selten, dass benachteiligte Orte dazu führen dass sie für die Bewohner und Bewohnerinnen zu benachteiligende Orte [sic!] werden können. […]

Durch das Zusammenspiel von planerischem und polizeilichem Konwhow [sic!] unter Beteiligung der Akteure und Akteurinnen vor Ort kann eine Beeinflussung der gebauten Umwelt [sic!] und des Wohnumfeldes im Hinblick auf die Tatgelegenheitsstruktur [sic!] und auf die vermittelte Lebensqualität eine erhebliche kriminalpräventive Wirkungen [sic!] haben.

Nur, damit wir nicht morgen sagen: „Gestern habe ich mich noch wohl gefühlt, aber heute fühle ich mich vor allem sicher“ — und wo Linden von Delinquenz geprägt ist, möchte ich mir gern zeigen lassen. Das Gefasel, das ich heute lesen musste, war hingegen von Flatulenz geprägt.

Ich kotze in die Zeitung

Die Zeitung von gestern taugt […] im besten Falle noch dafür, als Unterlage in einem Vogelkäfig benutzt zu werden, um den Kot der darin eingesperrten Vöglein vom Kasten fern zu halten. Im Regelfall wird sie allerdings zu genau dem Altpapier, das sie konzeptionell bereits bei ihrer Herstellung war.

Elias Schwerdtfeger

Und stetig herrscht der Kreisverkehr am Deisterplatze, die einen wollen rein und die anderen wollen raus. So geht es rund und rund, bis einem ganz schwindlig von alledem wird. Raus wollen wohl immer noch viele „Bewohner“ der größten Baustelle der Stadt Hannover, auf der inzwischen sogar wieder etwas Bautätigkeit zu bewundern ist. Wohl auch, weil einige Investoren da schon so viel reingebuttert haben und doch noch etwas rauskriegen wollen — zumindest ein bisschen mehr als einen Totalverlust. Und deshalb stecken sie halt noch etwas Geld hinein in das schier unersättliche Millionengrab aus Beton. Dass man die Substanz der Tiefgarage nicht allzu lange dem Risiko eines möglichen Hochwassers aussetzen will, ist der verständliche Teil daran. Vermutlich haben sich nach dem Frühjahr selbst die reinrassigen Geldanbeter aus den glanz- und raubvollen Banktempeln insgeheim beim Herrgott bedankt, dass es kein an der Substanz nagendes, typisches Frühjahrshochwasser gab und dass so die Sprengung der Betonburg noch einmal hinausgezögert werden konnte. Der etwas weniger verständliche Teil ist das werkelnde Gewusel in den Läden der zukünftigen Pleitiers an der Blumenauer Straße. Bei dem vielen Kreisverkehr an einem betonblühenden Park und dem ganzen Schwindel drum herum könnte man den Deisterplatz glatt in die Blumenauer Straße verlegen, ein monströser Turm steht dort ja schon…

Aber das ist es ja gar nicht. Also: Das ist nicht das, was so unerträglich juckt, dass der schattenhafte Beobachter am Deisterplatz so sehr von seinem Juckreiz gequält wird, dass er sich einfach mit ein paar hingekratzten Zeilen Text Erleichterung verschaffen muss. Nein, das heutige Juckpulver ist ein ganz anderes, es fand sich im Lindenspiegel für den Monat Juni 2009, der gerade ganz frisch in die arg- und wehrlosen Briefkästen Lindens gestopft wurde, um den Menschen in Linden den beginnenden Sommer zu vermiesen.

weiter…

Der Turmbau zu Linden

Am Deisterplatz ist Kreisverkehr, die einen Straßen führen in die Ferne, die anderen nach Linden. Die einen wollen rein, die anderen wollen raus, und für Kurt, der bei scheußlichem Regenwetter neben dem ollen Turm steht, dreht sich doch alles immer nur im Kreise.

Rein wollte zum Beispiel die Carlyle-Group, rein in das Ihmezentrum. Die Pläne tönten groß, man dachte fast an den biblischen Turmbau zu Babel. Wohlan! Lasst uns ein Einkaufszentrum bauen, dessen Kosten bis an den Himmel reichen! Und so strichen sie das Geld anderer Leute ein, türmten Schulden auf und ließen allerlei Arbeiter im Beton sägen, bohren und hämmern, um das triste Grau der Siebziger Jahre in die triste Glas- und Stahl-Ästhetik der Nuller Jahre umzumodeln, auf das die Menschen ihr immer weniger vorhandenes Geld in Lach- und Fachmärkten ausgeben. Doch der Herr der Finanzen schaute von der fernen Berliner Landesbank aus auf dieses umtriebige Treiben und stellte fest, dass es doch bessere Anwendungen für Geld als die gute, alte Verbrennung gibt; und so brach das windige Kartenhäuschen aus Bullshit und fortgeschrittener Volksverblödung einfach in sich zusammen. Der Bauherr ist offenbar gar nicht erst am Säckel krank geworden, sondern war es schon von Anfang an. Die Sprache ist seit diesen Ereignissen ein wenig verwirrt, und an Stelle einer Kommunikation schieben sich Carlyle und Berliner Landesbank gegenseitig den Schwarzen Peter zu — den Rest erledigt der Insolvenzverwalter. Aus dem grauen Turm wurde, nachdem er mehr als ein Jahr lang die größte Baustelle der Stadt war, die größte Ruine der Stadt, und die Verantwortlichen sind längst getürmt. Ob wohl nun noch jemand etwas mit der Ruine anfangen will? Also: Jemand anders als der Schuppen 68? So groß vor Kurzem noch die Pläne tönten, so mickrig das jetzige Gehabe.

Es dreht sich halt alles im Kreise am Deisterplatze, die einen wollen rein und die anderen wollen raus. Die Sprache ist verwirrt, die hannöversche Presse schweigt gar völlig zu diesem kommunalpolitischen Großzirkus, und die Zeche zahlen wohl die Bürgen der Stadt. Ach nee, das heißt ja „Bürger“.

Raus möchte jetzt wohl am liebsten so mancher Bewohner des Ihmezentrums. Wer will schon gern in einer Ruine leben? Manchmal kann sich erworbenes Wohneigentum in ein rechtes Wahneigentum verwandeln, und aus dem Traum von der eigenen Wohnung wird der Albtraum eines Klotzes, den man am Bein hängen hat und dem man beim täglichen Zerfall der Substanz und beim Wertverlust zuschauen kann. Egal, was die Werber schwülstig schwätzen, aus einem Menschenschließfach aus Beton wird eben doch kein Park.

Wer hat eigentlich ernsthaft geglaubt, dass ein 08/15-Einkaufszentrum am Rande der Stadt Hannover genügend Strahlkraft entfalten könnte, um massenhaft Kaufvieh anzulocken? Es handelt sich ja nicht um die Innenstadt mit der damit verbundenen Laufkundschaft und einer eigenen Attraktivität. Die Lindener haben jedenfalls bessere, gemütlichere und schönere Orte zur Auswahl, wenn sie sich die paar Güter des täglichen Bedarfes kaufen wollen — und deshalb ist seit den Siebziger Jahren die Geschichte des Ihmezentrums eine Geschichte der Pleiten. Hol es doch der Gerichtsvollzieher! *kuckuck!*

Es geht eben immer im Kreis, und manchmal kann einem schon ganz schwindlig werden — bei so viel Schwindel. Während sich an der ollen Hanomag ein Arbeiterdenkmal auf einen überdimensionierten Hammer stützt, bleibt die unerledigte Arbeit in der Ruine weiterhin liegen. Weiß der Pleitegeier, was daraus noch werden soll. Unvergessen bleibt uns allen, wie der warme Fiebertraum der Modernität aus den Siebziger Jahren drei Jahrzehnte später aussah — das liefert gleich einen Eindruck davon, wie die heutigen Beglückungsideen der Architekten in einer gar nicht so fernen Zukunft wirken könnten:

Vor etwa 30 Jahren war der Gebäudekomplex ein Symbol der Stadtmoderne und wurde folglich auch als Motiv für Ansichtskarten verwendet

Gute Nacht!