Zweieinhalb Jahre später

Wenn man eines über das Ihmezentrum sagen kann, denn doch…

Tristesse: Das Ihmezentrum vor dem Umbau

…dass es heute wesentlich schlimmer, maroder, kaputter aussieht als vor zweieinhalb Jahren, vor dem Beginn der Bauarbeiten. Carlyle ist ausgebüchst, kein Investor mehr da, eine offene Großbaustelle liegt sinnlos an der Ihme herum und lässt die Tristesse dieses Fotos, das ich im Januar 2007 aufnahm, im Vergleich wie eine heile Welt aussehen.

Lindenspiegel im Wandel

Wir erinnern uns. Im Juni vergangenen Jahres beizte der Lindenspiegel die Gehirne mit seiner aufdringlichen Reklame (natürlich im redaktionellen Teil) für Vorfeldmaßnahmen zum weiteren menschlichen Rückbau Lindens, so dass ich fast in die Zeitung gekotzt hätte. Überschrieben war der als studentische Umfrage verpackte Scheiß mit dem Titel „Linden im Wandel„, aber in Wirklichkeit befindet sich nur der Lindenspiegel im Wandel. Er folgt dem gesellschaftlichen Trend zur intellektuellen Ghettobildung und besteht folglich auch aus zwei Teilen: Der inliegenden „Interkulturellen Stadtteil Zeitung“, die vieles von der bunten Wirklichkeit unserer Heimat abbildet, und dem scheinbar journalistischen Blatt, dass in erheblichen Teilen zu einer Verdummung frisch aus der Rotationsmaschine verkommen ist. Gleich, ob dabei unter dem lächerlichen Vorwand einer „gesundheitlichen Aufklärung“ heiter für allerlei mehr oder weniger wirksame Mittelchen aus den Apotheken und aus der Quacksalberei der Schönheits- und Lifestyle-Branche Reklame gemacht wird, oder ob offenbar irgendwelche schnell abgeschriebenen Presseerklärungen notdürftig um ein paar Sätze ergänzt werden, damit auch der Eindruck von Pressearbeit entstehe. Am Deisterplatz, wo sich immer noch alles im Kreise dreht, wenn die einen rein und die anderen raus wollen, flatterte mir die Februar-Ausgabe dieses in die wehrlosen Briefkästen gestopften Käseblattes vor die Füße.

Dieses Blatt, das sich noch am besten dazu eignet, zu einer Spucktüte gefaltet zu werden, damit man es besser vollgöbeln kann, nahm noch einmal Bezug auf die „studentische Untersuchung“, die im vergangenen Sommer unter der Leitung von Frau Dipl.-Geogr. B. Tutkunkardes durchgeführt wurde. Natürlich wurde dabei nicht erwähnt, dass in ganz Linden Flugzettel geklebt und — im Gegensatz etwa zur wild plakatierten Werbung — auffällig beflissen auch entfernt wurden, die das Fragwürdige dieser Untersuchung in den Sinn rufen wollten, und es wurde auch nicht mehr so viel von den „Veränderungen der baulichen, sozialen und kommerziellen Struktur […], die insgesamt eine Aufwertung und einen sukzessiven Imagewandel der Altbauquartiere mit sich bringen“ gefaselt, sondern etwas sehr anderes, aber lest es doch selbst:

Linden ist Gegenstand eines Europäischen Forschungsprojektes

Was kann Stadtplanung zur Sicherheit der Bürger beitragen?

In der Tat, eine drängende Frage in einem Stadtteil, in dem sich die meisten darin lebenden Menschen recht wohl und gar nicht unsicher fühlen. Diese Frage wird dann auch beantwortet. Offen bleibt jedoch die Frage, warum die Schmierfinken, die diesen Artikel hingerotzt haben, so sehr auf die Vergesslichkeit der Menschen in Linden bauen können. Das hier heißt Linden, nicht Alzheim.

Im letzten Jahr gab es im Rahmen eines studentischen Projekts eine Umfrage unter Lindener BürgerInnen zur Einschätzung ihres Stadtteils.

Ja, diese Umfrage gab es, wir wissen es noch genau. In dieser Umfrage ging es um alles mögliche, aber selbst der so energisch kommentierende Fürsprecher namens Nicolas nahm nicht das Wort von der Sicherheit in den Mund. Immerhin wurde uns in seinem Kommentar sogar vorgeworfen, eine „Weltverschwörung“ an die Wand zu malen, wo es doch nur um ein ganz kleines, ach so wohltätiges lokales Projekt ginge — übrigens ein Wort, das der Leser eher in seinem Kopfe als in der Kritik seiner Untaten fand. Nun, eine Weltverschwörung liegt immer noch nicht vor, aber immerhin schon einmal ein „Europäisches Forschungsprojekt“… ;-)

Der Lindenspiegel berichtete darüber und stellte im September die Ergebnisse vor. Linden wurde von der großen Mehrheit seiner BewohnerInnen außerordentlich positiv und als interessant und lebenswert beurteilt.

Und das soll sich nun ändern… :mrgreen:

Was aber macht einen lebenswerten Stadtteil aus?

Vielleicht die Tatsache, dass er so ist wie Linden? Bunt, lebendig, größtenteils harmlos und sehr vielfältig? Und dass in einem solchen Stadtteil nicht nur irgendwelche Entseelungsreste rumlungern, die aus jedem menschlichen Miteinander einen sozial optimierten Geschäftsvorgang machen wollen?

Ich meine ja nur mal so, als Nichtwisschenschaftler. Aber beim Lindenspiegel schreibt man lieber etwas ganz anderes ab, um die erste Seite des Blattes zu bestempeln.

Aspekte dabei sind u. a. die gefühlte Sicherheit und das tatsächliche Kriminalitätsaufkommen.

Ah ja! Mehr Polizisten, Überwachungskameras und weniger öffentlicher Raum, der zum kostenlosen Verweilen und Leben einlädt. Schon ist dieses ganze Pack — sorry: — schon sind die Lindener von der Straße und alles sieht viel sicherer aus.

(Vielleicht als kleine Krone noch ein Gefängnisneubau an Stelle des Ihmezentrums? Die Burg-Ästhetik passt ja schon ganz gut.)

Das Landeskriminalamt Niedersachsen hat hierzu ein internationales EU-Forschungsprojekt initiiert, das die Lindener BürgerInnen mit einbinden soll.

Hmm, kommt mir bekannt vor:mrgreen:

Seit […]

Wie, das läuft schon? Haben wir aber gar nichts von mitbekommen. Da hatte der Lindenspiegel wohl noch keine Unterlagen, was? Und das hat gar nichts mit diesem „studentischen Projekt“ zu tun, das nur zufällig…

[…] dem  01.07.2009 […]

…an so einem ähnlichen Termin begann und nur zur Zierde eingangs des tollen und gewohnt hochqualitativen Artikels im Lindenspiegel erwähnt wurde.

Ebenfalls ist es wohl nur ein Zufall, dass dieses Thema gar nicht existierte, als diese Studenten da letzte Woche im Freizeitheim Linden in trauter Gemeinschaft mit dem Stadtplanungsamt ihre lieblichen Ideen zur Vernichtung meiner Heimat vorgestellt haben. Die werden da ja nur zur Zierde erwähnt, deshalb wissen die auch nichts davon. Und einige scheinen zu glauben, dass die Menschen in Linden ihren Kopf nur für den Friseur tragen.

[…] läuft das Projekt „PluS — Planning urban Security / Planung urbaner Sicherheit“ […]

Und nicht vergessen. Das „u“ in „urban“ wird nicht als „ö“ ausgesprochen, sondern als langgezogenes Schwa. Oder vielleicht doch gleich das deutsche Wort nehmen. Heißt ja genau so, schreibt sich genau so und die Abk. bleibt auch gleich. Ach ja, „urban“ kommt übrigens vom lateinischen Adjektiv „urbanus“, das so viel wie „zur Stadt gehörend“ bedeutet. Klingt ja auch gleich viel gebildeter, wenn man mit den Leuten Fremdsprachen spricht.

[…] zur Kriminalprävention im Städtebau.

*prust!*

Das Projekt untersucht, wie man durch gezielte Maßnahmen im Städtebau die Sicherheitslage beeinflussen und die Anzahl von Straftaten reduzieren kann.

Und ich dachte immer, deshalb kreist der Hubi so oft über Linden und raubt uns die Ruhe.

Mein Vorschlag, ganz unwisschenschaftlich: Ausgehverbot bei Dunkelheit, Totalüberwachung, Verbot öffentlicher Versammlungen von mehr als null Leuten und vor allem die Menschen von der Straße holen. Aber diese Wisschenschaftler wissen das bestimmt besser. Vor allem, besser auszudrücken.

Als herausragendes Beispiel für verbesserungswürdige Stadtplanung sei hier nur das in Linden allseits so beliebte Ihmezentrum genannt.

Oh, da hat doch tatsächlich jemand einen Absatz in den beim Hinschauen wie übernommen aussehenden Text reingebastelt. Neben so viel Realsatire kommt die Ironie aber leider nicht durch.

Zusammen mit PartnerInnen aus Deutschland (Hannover), Großbritannien (Manchester), Polen (Stettin) und Östereich (Wien) soll u. a. den Fragen nachgegangen werden, welche kriminalpräventiven Ansätze im Städtebau es in Europa bereits gibt und welche Maßnahmen auf andere Länder übertragen werden können, um die Sicherheitslage zu verbessern.

Was das nun für obskure Partner_innen (scheiß alternativtümelnde BinnenMajuskel!) sein sollen, wird in der Fülle dieses Textes besser verschwiegen. Statt dieser wirklich interessanten Information gibt es noch ein bisschen Blah:

 Das Bedürfnis nach Sicherheit ist für das Wohlbefinden der Bürgerinnen und Bürger von großer Bedeutung. Dieses subjektive Sicherheitsbedürfmnis lässt sich u.a. auch durch kriminalpräventive Maßnahmen im Städtebau positiv beeinflussen.

Ich sags ja, Blah. „Sicherheitsbedürfnis“ und „Maßnahmen“, kein WAS, kein WIE, nur WO — nämlich hier, in Linden.

Dabei gibt es bereits sichtbare Erkenntnisse aus Hannover-Linden.

Meint ihr damit jetzt die Wirtschaftskriminaltät, die uns dieses tolle Ihmezentrum zur Ruine gemacht hat?  In der Tat, vor so einer Scheiße von herzzerfressenen Arschlöchern ist auch in Linden keiner sicher.

Aber, um es noch einmal zu wiederholen, kein WAS, kein WIE, nur WO.

Ist Linden besser als sein Ruf?

Neben konkreten baulichen Maßnahmen, wie Verbesserung der Orientierung durch klare Wegeführung — im Ihmezentrum zweifellos dringend erforderlich — […]

Ach so, ihr wollt ein paar Wegweiser in einer langsam vor sich hin rottenden Großbaustelle haben. Na, das ist doch endlich einmal ein WAS und ein WIE, und was für eines! Da freut sich doch jeder, der da im Dreck leben muss, den Carlyle in Zusammenarbeit mit der Stadt Hannover hinterlassen hat.

[…] die Zuordnung privater Bereiche […]

Hmm

[…] und eindeutige Verteilung von Verantwortlichkeiten, spielt die Gegenüberstellung der tatsächlichen Kriminalitätslage mit der vorhandenen subjektiven Kriminalitätsfurcht der BürgerInnen eine große Rolle.

Hey, geil! Die Polizei will politische Aufklärungsarbeit leisten? :D

Das ist ein Schritt in die richtige Richtung. Aber nicht das gelegentliche Anlegen der Handschellen vergessen…

Das Untersuchungsgebiet in Linden-Mitte umfasst das Gebiet zwischen der Stephanusstraße, Falkenstraße, Ihmepassage und Blumenauer Straße.

Na, das ist doch eine gute Nachricht. Da ist ja auch dieses Sozpäd-Ghetto namens Gilde-Carré drin, und darin finden sich gewiss ein paar Neulindener, die ihre in der VR China gefertigte Tibet-Fahne schwenken, wenn sie ihrer Sehnsucht nach mehr Sicherheit Ausdruck verleihen — eine einfache Mauer reicht wohl nicht. Mit diesen netten Zeitgenossen, die sich leider noch nicht die schnieke Eigentumswohnung in der List leisten können, muss man sich ja schon öfter mal herumschlagen.

Ab Mitte Februar wird es eine Fragebogenaktion geben. Über 1000 Personen aus diesem Bereich werden nach dem statistischen Zufallsprinzip ausgewählt und gebeten, an der Befragung teilzunehmen.

Übrigens: Es gibt zwar ein Zufallsprinzip, und es gibt in der Statistik eine zufällig ausgewählte Stichprobe, aber das statistische Zufallsprinzip ist mir noch nicht begegnet. Ist damit jetzt gemeint, dass die Auswahl bei einer statistischen Untersuchung zufällig aussieht?

Über den Postweg oder online können Sie […]

Holla, ein großgeschriebenes „S“, ich fühle mich total persönlich angesprochen!

[…] dann Ihre Meinung zur Sicherheitslage im Stadtteil abgeben, […]

Da wird aber so richtig durchgemeint! Zum Ankreuzen!

[…] damit die Polizei als Partner im Städtebau […]

Bislang kannte ich Mitmensch Polizeibeamter vor allem mal mit einer Haltekelle. Aber so eine Maurerkelle ist auch ganz sympathisch.

(Ich muss mal aufs Klo, das Lachen lässt meine Blase explodieren.)

[…] bürgernah und gut vorbereitet […]

Auf was?

[…]  in den bereits erwähnten Ländervergleich gehen kann.

Wow! Ein Ländervergleich! Das ist ja fast schon eine Europameisterschaft! JEETZT GEEHTS LOOS! LINDEN WIRD MEISTER!

In was?

Natürlich darin, ein für die Polizei gut behandelbarer Stadtteil zu sein. MEISTER… *gröhl!*

Was kommt für Linden dabei heraus?

Letztendlich […]

Gutes erstes Wort. Zusammengesetzt aus Letzt und Ende.

[…] geht es um die Verbesserung der Lebensbedinungen unter der Perspektive eines friedlichen und möglichst konfliktfreien Zusammenlebens durch das Zusammenspiel von gebauter Umwelt und sozialräumlichen Engagement.

Manchem Bullshit begegnet man noch am besten, wenn man ihn gewähren lässt…

So, und jetzt ist dem Gestalter der Titelseite des Lindenspiegels noch ein weiterer Absatz selbst eingefallen, den er als Einfall in den Text fallen ließ, damit bei uns der Groschen fällt:

Es sollen Missstände wie sie zum Beispiel durch die Architektur des Ihme-Zentrums verursacht werden durch dieses Projekt auch aufgedeckt werden!

[Ausrufezeichen, Stilschwäche und Kommafehler aus dem Original, nicht von mir.]

Wer sich näher informieren will, wird vielleicht das folgende Angebot schätzen — es wäre wohl günstig, wenn eine gut gebildete und heimatverbundene Meinung nebst einiger Flaschen Herri zum besseren Ertragen des Gefasels mitgebracht werden:

Info-Veranstaltung

Eine öffentliche Informationsveranstaltung zu diesem Projekt findet am Mittwoch, 11. Februar ab 19 Uhr in der Aula der Grundschule Am Lindener Markt statt.  Dort, sowie unster www.plus-eu.com gibt es weiterführende Informationen für interessierte BürgerInnen.

Da kann man doch gar nicht widerstehen! Aber vielleicht widerstehen. Zur Hilfe und zur Motivation hier noch ein kleines Zitat der Website des Projektes — gemeint ist hier Linden, unsere Heimat:

„PluS“ baut auf der Erkenntnis auf, dass sich soziale Unordnung z.B. auf Grund von Armut, Arbeitslosigkeit, Desintegration und Delinquenz aus mehreren Gründen häufig in benachteiligten Stadtteilen ballt. Die Folge ist nicht selten, dass benachteiligte Orte dazu führen dass sie für die Bewohner und Bewohnerinnen zu benachteiligende Orte [sic!] werden können. […]

Durch das Zusammenspiel von planerischem und polizeilichem Konwhow [sic!] unter Beteiligung der Akteure und Akteurinnen vor Ort kann eine Beeinflussung der gebauten Umwelt [sic!] und des Wohnumfeldes im Hinblick auf die Tatgelegenheitsstruktur [sic!] und auf die vermittelte Lebensqualität eine erhebliche kriminalpräventive Wirkungen [sic!] haben.

Nur, damit wir nicht morgen sagen: „Gestern habe ich mich noch wohl gefühlt, aber heute fühle ich mich vor allem sicher“ — und wo Linden von Delinquenz geprägt ist, möchte ich mir gern zeigen lassen. Das Gefasel, das ich heute lesen musste, war hingegen von Flatulenz geprägt.

Vom Rein, Raus und vom Schmuck

Da steht man hier am Deisterplatz, der Sommer ist angenehm schwül, das Bier, das will fließen immerfort die trockene Kehle hinab und alles fährt nur immerfort im Kreis — die einen wollen eben rein, und die andern wollen raus. Dass dem ollen Turm noch nicht schwindlig geworden ist…

Ist euch eigentlich aufgefallen, wie still es um das Ihmepark Lindenzentrum (oder so ähnlich) geworden ist? Nichts mehr hört man von diesem angesoffenen Plan einiger durchgeknallter Kaufleute, einen Haufen rottigen Stahlbetons als einen „Park“ zu verkaufen und damit die Leute für dumm verkaufen zu wollen. Bei der Stadt Hannover hat man sich ja für dumm genug verkaufen lassen, um diesen gefährlichen Dummfug in jeder nur erdenklichen Weise zu fördern, und die hannöversche Presse  hat fast so getan, als wisse sie gar nichts von den Robusten Wirklichkeiten, die da zwischen den trüben Fluten der Ihme und einer Blumenauer Straße angehäuft wurden, die eben so „hübsch“ ist, wie eine Durchgangsstraße ohne besonderes Leben nun mal „hübsch“ ist. Alles vorbei. Carlyle wollte eine Menge Geld mit dem Irrsinn reinkriegen und ist jetzt raus, die Bewohner des Ihmezentrums sind immer noch drin in ihrem Mahnmal des Brutalismus und ein wenig andächtiges, dafür umso mehr der Verdrängung dienendes Schweigen hat sich breit gemacht. Neulich haben sich da in Hannover sogar so ein paar total spezielle Extra-Spezialexperten hingesetzt, um darüber zu reden, ob das „Konzept Linden-Park“ in der jetzigen Lage überhaupt noch angemessen ist. Ach! Hätten sie sich diesen Kopf nur vorher gemacht, die Großkopferten! Was wäre uns allen erspart geblieben.

Sehr schön übrigens die Financial Times Deutschland:

Ein hohes Risiko ist dagegen die Landesbank Berlin (LBB), inzwischen allein in der Hand der Sparkassen, im Ihme-Zentrum eingegangen: Zeitungen nennen die Wohn- und Shoppinganlage unweit der City von Hannover mittlerweile den „größten Schrotthaufen Niedersachsens“. Seit Februar ruhen hier die Umbauarbeiten. Bei der Errichtung Anfang der 70er hatte der fast einen Kilometer lange Bau das größte Fundament Europas, rund 2000 Menschen wohnen hier. Nun haben sich Töchter des US-Finanzinvestors Carlyle beim Umbau einer riesigen Einkaufspassage im Ihme-Zentrum verhoben. 200 Mio. Euro sollten investiert werden. Jetzt regiert hier der Insolvenzverwalter. Hauptgläubigerin des Minus-Projekts: die LBB.

Und da sagen diese Spinnköppe immer, ich sei negativ!

Die Frage, wer die Rechnung für den hellen Wahn bezahlt, wird sich in den nächsten Monaten von allein beantworten. Und jeder, der lieber das dumme Geld des Staates und der Stadt in wirklich nachhaltige und zukunftsfördernde Infrastruktur gesteckt gesehen hätte, also zum Beispiel in öffentliche Leihbüchereien, der kann nur noch so lange seinen Kopf gegen die nächste Wand schlagen, bis der bohrende Schmerz im Hirne nachlässt.

Nein, da muss man als schnodderiger Deist des Geisterplatzes den Blick, der im grellen Sommer trüb zu werden droht, doch schnell an einem anderen Orte nach dürrem Troste suchen lassen.

Kennt ihr eigentlich den Schmuckplatz? Klar, wer am Kötnerholzweg lebt oder öfter mal die Ahlemer Straße heruntergeht, der kennt den Schmuckplatz. Viele Orte in Linden haben recht unpassende Namen, es gibt zum Beipspiel eine Stärkestraße, in der viele sozial Schwache leben, eine Pavillionstraße, unter deren Mietskasernen man alles mögliche findet, aber keine freistehenden Gebäude oder auch eine Grotestraat, de is sowat von lütt. Aber wenn ich einen Kandidaten für die unpassendste offizielle Bezeichnung in Linden benennen müsste, denn nähme ich den Schmuckplatz, denn der…

Schmuckplatz — ein Schmuck ist das nicht!

…ist alles andere als ein Schmuck.

Und zwar schon seit Jahren nicht mehr.

Früher einmal, als ich noch ein kleiner Kuddel war und die Welt verheißungsvoll und der Himmel blau erschien, da war das ein Spielplatz. Genau richtig für alle Kinder,  die von ihren Eltern gegen karzinogene Abgasbestandteile abgehärtet werden sollten. Es war kein stark frequentierter Spielplatz, und deshalb ist es vielen wohl kaum aufgefallen, dass da auf einmal ein Zaun drumherum war. Wem es aber auffiel, der ging einmal hin, zu sehen, warum man denn jetzt diesen hübschen Platz abgesperrt hatte. Und wer Augen hatte, um zu sehen, der sah am Zaun ein Schild. Dieses trug die Aufschrift „Dieser Spielplatz ist wegen Schadstoffbelastung vorübergehend gesperrt“ — in der Tat, diese Sperrung war „vorübergehend“, denn auch die vielen Jahre der Sperrung gingen einmal vorbei. Mancher fragte sich im Vorübergehen, ob die Schadstoffe auch ja auf den Zaun achten würden und nicht etwa auf die Idee kommen, auch ein bisschen in die Umgebung zu diffundieren.

Ja, und irgendwann wurde der Schmuckplatz eben „saniert“ und umgebaut. Er sieht jetzt so aus wie auf dem Foto und könnte ja durchaus ein hübsches Schmuckstück in Linden-Nord sein, wenn er nur hübsch wäre.

Nee, die einen wollen rein, die andern wollen raus und ich bleib einfach drinnen, bis man mich hier rausträgt. Und ich freue mich über das bunte Treiben derer, die hier unter dem üblichen Lug der lokalen Journaille ihre Geschäftchen treiben wollen — und scheinbar doch nicht zum Zuge kommen. So ein Zeitgenosse, der mich über meinen „Wohnstandort“ im „städtischen Quartier“ Linden und seinem „Image“ ausbefragen wollte, ist mir jedenfalls nicht übern Weg gelaufen. Dafür habe ich jede Menge heiterer, handgeschriebener und fotokopierter Zettelchen überall kleben gesehen, die vor diesen neuerlichen Anlauf zum Ausverkauf Lindens gewarnt haben. Die Zettelchen wurden zwar immer wieder abgerissen, sie wurden aber auch immer wieder neu geklebt — und im Gegensatz zur herrgottsdummen Bullshit-Sprache des offenbar gekauften Artikels im Lindenspiegel, mit der den Menschen in Linden dieser vergiftete Keks schmackhaft gemacht werden sollte, waren diese Zettelchen in einem allgemein verständlichen Deutsch beschriftet. Ob da den Heimatverkaufsgeologen wohl so viel Widerstand entgegen gekommen ist, dass sie sich lieber eine Zeit mit etwas geringerer allgemeiner Aufmerksamkeit aussuchen wollten?

Es dreht sich eben alles im Kreise. Vor allem dort, wo der Schwindel betrieben wird.

Gruß auch an Nicolas!

Aktionskunst vor Ort

Knappiknappstein – dat seh ich ein; doch hier schnell noch der Kulturtipp für morgen auf dem Betonplatz neben dem Betonbau; ich freu mich schon auf die Erbsensuppe zum Bier :-)

Presseinformation

Kurz-Kunst kämpft für Ihmezentrum — Künstler setzen sich für Ihmezentrum-„Lindenpark“ ein
Rekordversuch: kürzeste Kunstausstellung der Welt!

06.06.2009, 16.06 – 17.05 Uhr, Hannover, Küchengarten Platz

Auf Initiative des SCHUPPEN 68 findet am 06.06.2009 von 16.06 – 17.05 Uhr auf dem Küchengartenplatz in Hannover die „Kürzeste Kunstausstellung der Welt“ mit verschiedenen Künstlern aus der Region statt. Eine Kunstausstellung, die kürzer als eine Stunde dauert, gab es bisher noch nicht. Der Weltrekordversuch ist beim GUINNESS WORLD RECORDS BUCH in London angemeldet.

Der Initiator der Aktion, Klaus-Dieter Gleitze vom SCHUPPEN 68:  „Wir wollen mit dieser Aktion Zeichen setzen für eine positive Lösung des Ihmezentrum Problems, im Sinne aller Bürger/innen. Künstler mischen sich ein, mit ihren Mitteln. Die Insolvenz und derzeitige Ruinensituation dieses umstrittenen Siebziger-Jahre Baus  gehören zu Hannovers grössten städtebaulichen Problemen der nächsten Jahre.“

Kernstück des Weltrekordversuchs sind Teile der Foto-Ausstellung „Ihmezentrum reanimieren?“, die die Entwicklung des Ihmezentrums dokumentiert und zuletzt u.a. im „Bildungsverein Viktoriastr.“ zu sehen war.

„Kritische ästhetische Auseinandersetzung mit dem Stadtbauphänomen Ihmezentrum war unser Motiv und mit unserer Aktion tragen wir auch ein Stück zur Belebung des umstrittenen Platzes bei“, erläutern die Ausstellungsmacher Michael Doege und Raimond Reiter.

Mit einzelnen Arbeiten dabei sind Karl Heinz Bethmann und Hermann Sievers, bekannt durch zahlreiche Ausstellungen, u.a im Zusammenhang des „Kunstbüro“, sowie Klaus-Dieter Gleitze vom SCHUPPEN 68.

„Das Verhältnis von ‚Kunst und Öffentlichkeit‘ ist ein zentrales Anliegen unserer Arbeit und diese Aktion ist ein idealer Ansatz zur Aufarbeitung dieser Beziehung“, betonen die drei Künstler. Ein weiteres Ziel der Ausstellung ist eine kritische Hinterfragung des Kunstbetriebes.

Programmablauf:

16.06 Uhr — Eröffnung, Vernissage mit Laudatio
16.30 Uhr — Ausstellung mit begleitenden Aktionen
16.50 Uhr — Finissage
17.05 Uhr — Ende der Ausstellung
Freibier und Erbsensuppe, solange der Vorrat reicht.

Begleitende Aktionen u.a.:

  • Für Kinder „Wir kneten uns ein Ihmezentrum“, (für Mütterbetreuung ist gesorgt)
  • „Art Scouts“ begleiten Interessierte durch die Ausstellung
  • eine Performance des SCHUPPEN 68 zum Ihmezentrum, bei der die Meinungen und Wünsche der Anwohner/innen integriert werden

Aus Europawahl-aktuellem Anlass werden die anwesenden Künstler „Wahlprüfsteine“ designen, die die Besucher/innen als Anregung für die morgige Europawahl und im Vorgriff auf die Bundestagswahl mit nach Hause nehmen können. Die jeweiligen Unikate werden handsigniert.

Die gemeinsame Überzeugung aller Beteiligten: „Gerade in der aktuellen Krise ist es mehr denn je notwendig, dass Künstler sich auch politisch beteiligen und einmischen.“

Sponsoren der Veranstaltung sind die Herrenhäuser Brauerei sowie die Fleischerei Gothe, die Gaststätte Lorberg, die Fösse – Apotheke und der Bierverlag Vogelmann.

Oberbürgermeister Weil ist für eine Grußansprache angefragt.

Die Kunstwerke sind käuflich. Der Reinerlös der Ausstellung geht als Spende an den derzeitigen Besitzer des Ihmezentrum, den Finanzinvestor Carlyle.

Die vom GUINNESS WORLD RECORDS BUCH geforderte medizinische Betreuung des Weltrekordversuchs wird durch den „Pflegetreffpunkt Linden“ geleistet.

Mit der Bitte um Berichterstattung, Dank für Ihre Bemühungen und freundlichen Grüssen Klaus-Dieter Gleitze

www.schuppen68.de

Die Nerven liegen blank…

Der folgende Ausriss und alle Zitate sind der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung vom 2. April entnommen, der relativ kleine Artikel zum monströs großen, kommunalen Skandal findet sich gut versteckt auf Seite 18.

Die Nerven liegen blank - Stillstand im Ihme-Zentrum - Die Sorge der Anwohner im Ihme-Zentrum wächst. Fünf Wochen nach dem Ausscheiden von US-Investor Carlyle sind die Außenstände auf dem Konto, mit dem die Betriebskosten des Komplexes finanziert werden, weiter gewachsen. Die Summe habe sich inzwischen auf rund 800.000 Euro summiert...

Hier hat sich die hannöversche Milliardärspresse einmal mehr der Aufgabe entledigt, ein bisschen simulierten Journalismus zu betreiben — und die Form, in der sich dieses zu Unrecht in hohem Ansehen stehende Blatt dieser Aufgabe entledigt hat, lässt einen deutlichen Blick auf den Chrakter derer zu, die so etwas schreiben lassen, auf toten Bäumen drucken lassen und veröffentlichen. Immerhin, eines ist daran verhalten zu loben: Im Artikel wird nicht mehr das marketingbesoffene Unwort vom „Lindenpark“ verwendet, wenn die Ruine zwischen der Ihme und der Blumenauer Straße benannt werden soll. Es ist gerade erst eine Handvoll Wochen her, dass die HAZ dieses Wort ohne eine Spur von erkennbarer Kritik in ihre Schlagzeilen gestempelt hat, den fühlenden Lindenern zur Last und einer Horde durchgeknallter Investoren zur Freude.

Aber kommen wir einmal zum Text, den der simulierte Journalismus hier produziert hat:

Die Sorge der Anwohner im Ihme-Zentrum wächst.

Bevor auch nur ein inhaltliches Wort unter der Überschrift steht, erfreut der Artikel mit dem sprachlichen Kunstgriff von den „Anwohnern im Ihme-Zentrum“. Das klingt ja auch gleich ganz anders als „Bewohner des Ihme-Zentrums“, er vermag viel besser die Tatsache zu verbergen, dass zurzeit Menschen in einer Ruine leben, die in äußerst verantwortungslose Art und Weise von einem gescheiterten Versuch der großen Gewinnschöpfung zurückgelassen wurde. Offenbar findet sich da auch kein Bewohner mehr, der sich von irgendwelchen Versprechern und Versprechungen zu dümmlichstem Jubel hinreißen lässt, wie man es noch vor vier Monaten augenreibend in einer als journalistischem Produkt getarnten Reklame lesen konnte.

Nur, damit das so klar wird, wie es klar werden sollte: In dieser Ruine leben Menschen!

Fünf Wochen nach dem Ausscheiden von US-Investor Carlyle dind die Außenstände auf dem Konto, mit dem die Betriebskosten des Komplexes finanziert werden, weiter gewachsen.

Wie erstaunlich, dass es nicht einfach Geld vom Himmel auf ein Konto regnet, nicht? Das tut es doch sonst immer, oder?

Die Summe habe sich inzwischen auf rund 800.000 Euro summiert, sagt Monika Großmann von der Bürgerinititive „Linden Ihme-Zentrum“.

Und so summiert sich die Summe, während das Geschwafel schwafelt und die jornalistische Blindheit blendet. Die nahe liegende Frage, wer für diese Entwicklung verantwortlich ist, vielleicht sogar haftbar zu machen ist, stellt niemand — dabei wäre das angesichts des größten kommunalen Millionenloches einmal so eine richtig gute Frage. Aber für gute Fragen und für die Klärung solch guter Fragen war die HAZ noch nie so recht zuständig.

Sie und die rund 500 anderen Wohnungsbesitzer befürchten, auf den laufenden Kosten für das gesamte Zentrum sitzen zu bleiben, das derzeit unter Zwangsverwaltung steht. „Es gibt kein Signal, wann das Geld überwiesen wird — die Nerven liegen hier langsam blank“, sagt Großmann.

Das Insolvenzverfahren gegen Carlyle ist noch nicht eröffnet worden. Derzeit prüfen die vorläufigen Insolvenzverwalter, ob bei den neun Projektgesellschaften des Ihme-Zentrums genug Vermögen vorhanden ist, um die Gläubiger zu bedienen.

Nun, angesichts der Tatsache, dass der gesamte „Lindenpark“-Versuch auf Pump über die Bühne gehen sollte, scheint das Ergebnis einer solchen Prüfung schon klar zu sein. Aber vielleicht wird das Geld ja bei einer sorgfältigen Zählung vermehrt…

[…] Die laufenden Einnahmen […] sind vor allem Mietzahlungen von Stadt und Stadtwerken von rund 6,2 Millionen Euro pro Jahr.

Die paar laufenden Einnahmen sind vor allem „dummes Geld“, also das Geld anderer Leute, das von Stadt und ehemals städtischen Institutionen ohne eine Spur der Vernunft verschleudert wird. Es steht zu erwarten, dass auch die Fehlbeträge mit derartigem „dummen Geld“ beglichen werden — und die Bürgen Bürger der Stadt sind die Dummen.

Offenbar sei das von Carlyle hinterlassene Firmengeflecht so komplex, dass schnelle Entscheidungen verhindert würden, sagt Großmann.

Alles andere hätte mich auch erstaunt. Warum sollte bei einem derartigen Unterfangen auch mit durchschaubaren Strukturen aufgetreten werden — es ging doch vor allem um das schnelle, heuschreckartige Absahnen und anschließende Verschwinden mit dem Profit. Transparenz ist da nur hinderlich.

Aber es gibt auch eine „gute“ Nachricht, die von der HAZ vermeldet wird:

[…] Zugleich liefen Vorbereitungen, die nach dem Baustopp stillgelegte Tiefgarage wieder zu öffnen. Um diese verkehrssicher zu machen, müssen dem Vernehmen nach etwa 250.000 Euro investiert werden.

Zwar ist das Menschenschließfach aus den Siebziger Jahren nur noch eine unbewohnbare Ruine, aber Autos soll man schon bald wieder abstellen können. Das ist doch toll! Da muss doch gleich noch ein bisschen Geld reingebuttert werden! Ist ja auch nur so eine Viertelmillion Euro! Am besten geschieht dies in der gewohnten Planlosigkeit, und am besten werden genau jene Unternehmen mit dem Aufmöbeln der Ruinen-Garage beauftragt, die in den vergangenen anderthalb Jahren schon „Erfahrung“ mit der Geldverbrennung im Ihme-Zentrum gesammelt haben.

Wisst ihr eigentlich, wie man den architektonischen Stil des Ihme-Zentrums nennt? Obwohl einem beim Anblick dieser körperverletzenden Scheußlichkeit der Hals so anschwillt, dass die Worte nicht mehr kommen wollen, ist den Architekturhistorikern ein Wort für diesen vom rohen Beton und den sichtbaren Strukturen der Holzverschalungen geprägten Stil eingefallen. Sie sprechen vom „Brutalismus“ — und in der Tat, das ist ein trefflich Wort! Jedes Mal, wenn man dieses Mahnmal sieht oder darüber liest, ist es wie ein Schlag in die Fresse.

Vielleicht sollte sich einfach eine Bürgerinitiative gründen, die veranlasst, diesen Zeugen der wichtigen europäischen Stilepoche des Brutalismus unter Denkmalschutz zu stellen, damit er mit öffentlichen Mitteln in den „Auslieferungszustand“ zurück versetzt werden kann. Das wäre zwar scheußlich, aber bei weitem nicht so übel wie der jetzige Zustand. Dass „Denkmäler“ keineswegs schön sein müssen, belegt die zwar außerhalb Lindens, doch in Blicknähe stehende BBS 4, die ebenfalls unter Denkmalschutz steht.

Der Turmbau zu Linden

Am Deisterplatz ist Kreisverkehr, die einen Straßen führen in die Ferne, die anderen nach Linden. Die einen wollen rein, die anderen wollen raus, und für Kurt, der bei scheußlichem Regenwetter neben dem ollen Turm steht, dreht sich doch alles immer nur im Kreise.

Rein wollte zum Beispiel die Carlyle-Group, rein in das Ihmezentrum. Die Pläne tönten groß, man dachte fast an den biblischen Turmbau zu Babel. Wohlan! Lasst uns ein Einkaufszentrum bauen, dessen Kosten bis an den Himmel reichen! Und so strichen sie das Geld anderer Leute ein, türmten Schulden auf und ließen allerlei Arbeiter im Beton sägen, bohren und hämmern, um das triste Grau der Siebziger Jahre in die triste Glas- und Stahl-Ästhetik der Nuller Jahre umzumodeln, auf das die Menschen ihr immer weniger vorhandenes Geld in Lach- und Fachmärkten ausgeben. Doch der Herr der Finanzen schaute von der fernen Berliner Landesbank aus auf dieses umtriebige Treiben und stellte fest, dass es doch bessere Anwendungen für Geld als die gute, alte Verbrennung gibt; und so brach das windige Kartenhäuschen aus Bullshit und fortgeschrittener Volksverblödung einfach in sich zusammen. Der Bauherr ist offenbar gar nicht erst am Säckel krank geworden, sondern war es schon von Anfang an. Die Sprache ist seit diesen Ereignissen ein wenig verwirrt, und an Stelle einer Kommunikation schieben sich Carlyle und Berliner Landesbank gegenseitig den Schwarzen Peter zu — den Rest erledigt der Insolvenzverwalter. Aus dem grauen Turm wurde, nachdem er mehr als ein Jahr lang die größte Baustelle der Stadt war, die größte Ruine der Stadt, und die Verantwortlichen sind längst getürmt. Ob wohl nun noch jemand etwas mit der Ruine anfangen will? Also: Jemand anders als der Schuppen 68? So groß vor Kurzem noch die Pläne tönten, so mickrig das jetzige Gehabe.

Es dreht sich halt alles im Kreise am Deisterplatze, die einen wollen rein und die anderen wollen raus. Die Sprache ist verwirrt, die hannöversche Presse schweigt gar völlig zu diesem kommunalpolitischen Großzirkus, und die Zeche zahlen wohl die Bürgen der Stadt. Ach nee, das heißt ja „Bürger“.

Raus möchte jetzt wohl am liebsten so mancher Bewohner des Ihmezentrums. Wer will schon gern in einer Ruine leben? Manchmal kann sich erworbenes Wohneigentum in ein rechtes Wahneigentum verwandeln, und aus dem Traum von der eigenen Wohnung wird der Albtraum eines Klotzes, den man am Bein hängen hat und dem man beim täglichen Zerfall der Substanz und beim Wertverlust zuschauen kann. Egal, was die Werber schwülstig schwätzen, aus einem Menschenschließfach aus Beton wird eben doch kein Park.

Wer hat eigentlich ernsthaft geglaubt, dass ein 08/15-Einkaufszentrum am Rande der Stadt Hannover genügend Strahlkraft entfalten könnte, um massenhaft Kaufvieh anzulocken? Es handelt sich ja nicht um die Innenstadt mit der damit verbundenen Laufkundschaft und einer eigenen Attraktivität. Die Lindener haben jedenfalls bessere, gemütlichere und schönere Orte zur Auswahl, wenn sie sich die paar Güter des täglichen Bedarfes kaufen wollen — und deshalb ist seit den Siebziger Jahren die Geschichte des Ihmezentrums eine Geschichte der Pleiten. Hol es doch der Gerichtsvollzieher! *kuckuck!*

Es geht eben immer im Kreis, und manchmal kann einem schon ganz schwindlig werden — bei so viel Schwindel. Während sich an der ollen Hanomag ein Arbeiterdenkmal auf einen überdimensionierten Hammer stützt, bleibt die unerledigte Arbeit in der Ruine weiterhin liegen. Weiß der Pleitegeier, was daraus noch werden soll. Unvergessen bleibt uns allen, wie der warme Fiebertraum der Modernität aus den Siebziger Jahren drei Jahrzehnte später aussah — das liefert gleich einen Eindruck davon, wie die heutigen Beglückungsideen der Architekten in einer gar nicht so fernen Zukunft wirken könnten:

Vor etwa 30 Jahren war der Gebäudekomplex ein Symbol der Stadtmoderne und wurde folglich auch als Motiv für Ansichtskarten verwendet

Gute Nacht!