Weil du so nett grüßt, Stephan

Mit überschwänglicher, niemals wieder erlöschender Freude habe ich das Grußwort neben dem Portrait unseres hannöverschen Oberbürgermeisters Stephan Weil im offiziellen Programmheft des Fährmannsfestes 2009 gelesen.

Diese großen Worte, der optimistische Blick in das kommende Ereignis, die unverhohlene Begrüßung des gewaltig gewordenen „Woodstock an der Ihme“ erhebt mein Herz in heiterste Höhen. Allerdings drängt mich ein schelmig Juckreiz, den Worten mit Anmerkungen die fehlende Würze zu geben, um sie von ihrer Fadheit zu befreien… ;-)

Mitten im Herzen Hannover-Lindens, […]

Ich vermute, der Autor dieser Ortbeschreibung trägt sein Herz außerhalb des Körpers. Bleibt nur zu hoffen, dass er im Körper nicht eine Addiermaschine an Stelle eines Herzens trägt.

[…] genau dort, wo sich Ihme und Leine küssen, […]

Auch scheinen die sexuellen Phantasien ein wenig ungezügelt sogar auf die Geografie überzugreifen.

[…] auf den Wiesen und Auen […]

…ganz nahe beim Nationalpark innerstädtische Leineaue…

[…] an der Justus-Garten-Brücke, […]

…die nach einer nicht mehr existierenden Gastwirtschaft benannt ist und damit trefflich zum verdunsteten Geist der alten Fährmannsfeste passt.

[…] wo früher ein Fährmann zwischen Hannover und Linden übersetzte, […]

…und zusah, dass er schnell nach Linden zurückkommt.

[…] treffen wir […]

Ihr vielleicht.

[…] uns am ersten August-Wochenende […]

…leider nicht zum Abriss Hannovers bei den „Chaostagen“, sondern…

[…] beim Fährmannsfest.

Immerhin, dort gibt es auch etwas auf die Ohren, selbst für jene, die nichts zwischen den Ohren haben.

Vom Ska-Punk bis zum Metal, […]

Von einer Spielart des bastardisierten, vergnüglich konsumierbar gemachten Punks zu nachgemachtem Metal kann der erfahrene Besucher des teuren Bierbecher-Guantanamo bemerken, dass sich der alte Geist völlig verflüchtigt hat.

[…] vom Singer / Songwriter […]

…den man deutsch übrigens „Liedermacher“ nennt…

bis zum Rockabilly, vom Folk-Rock bis zur Klassik […]

…gibt es langatmige Aufzählungen, die eine nicht vorhandene Vielfalt in dieser Einfalt vortäuschen sollen.

[…] — das „kleine Woodstock an der Leine“ […]

…heißt immer noch Hannover.

[…] bietet auch in diesem Sommer […]

…der wie üblich auch im August stattfindet.

[…] wieder ein breites Spektrum […]

…wieder ein Spektrum, das viele Menschen in Linden nur genießen können, wenn sie ziemlich breit sind.

[…] musikalischen Hörgenusses.

Immerhin, man muss die Musik nicht riechen. Vieles erinnerte vielleicht auch überdeutlich an den jedem Menschen allzu vertrauten Duft frisch abgeseilter Fäzen.

Besonders freuen wir […]

also: ihr.

[…] uns auf die Blues-Rock-Legende TEN YEARS AFTER, […]

euch auf eine derart legendäre Band, dass ihr Ruf von vielen kaum vernommen wurde. Aber immerhin wird es ein bisschen sehr altmodische Musik geben, die sich gut in den Geist der Siebziger Jahre fügt, der sich in Gestalt des Ihmezentrums in Sichtnähe materialisiert hat.

[…] weil im August 2009 das original Woodstock-Festival 40 Jahre zurückliegt […]

…und es nächstes Jahr gar schon 41 Jahre zurückgelegen haben wird.

[…] und eben Ten Years After dort dabei waren.

Übrigens: Joe Cocker, Santana, Grateful Dead und The Who waren unter anderem auch da. Janis Joplin und Jimi Hendrix müssen also nicht extra zum Leben erweckt werden — was mangels Jesusfähigkeiten nicht einmal Stephan Weil möglich ist — um Hannover musikalisch so richtig „vorwärts nach weit“ (Kurt Schwitters) streben zu lassen.

Aber damit nicht genug: […]

Als wenn man nicht schon genug hätte…

[…] Vom Kinderschminken bis zur Kletterwand, vom Glücksrad bis zum Infostand, ob ihr einfach nur auf der Wiese liegen mögt oder zum Beispiel auf der Kulturbühne den zweiten Poetry Slam verfolgt […]

…oder gern eine weitere, ermüdende Aufzählung wie diese lest.

[…] — beim Fährmannsfest gibt es jede Menge Anregungen und Unterhaltung für Groß und Klein.

Und für das große und kleine Geschäft.

Für unser Team, welches für das Fest und auf dem Fest arbeitet, […]

[…] und natürlich auch manches für Geld, denn das ist das Fest für sich und an sich.

ist das Fährmannsfest immer ein Happening.

Stimmt. Es ist ein — Achtung, Deutsch! — Ereignis.

Mehr als 300 Personen helfen beim Auf- und Abbau, an den Toren und auf den Bühnen, beim Zapfen und an den Essens-Ständen, beim Schminken und im Zirkus, an der Kasse und am Kaffeestand.

Und freuen sich über diese Erwähnung als Pünktchen in einer weiteren, langatmigen Aufzählung.

Viele kennen sich seit Jahren, […]

…und einige sind inzwischen sogar schon wieder geschieden.

[…] für manche ist es ein einmaliges Ereignis im Jahr, […]

…weil auch sie den gregorianischen Kalender verwenden.

[…] für andere ist das, was sie zum Fest beitragen, Beruf oder Hobby.

Wobei „Hobbyisten“ die billigeren sind.

Happening kommt von happy […]

Falsch, es kommt vom Verb „to happen„. Wenn ihr schon kein Deutsch mehr sprechen wollt, denn sprecht doch bitte kein BSE. („bad simple english“)

[…] und die Freude und das Sichfreuen auf das Fest […]

…oder auf das Happening oder auf das Happyning oder auf die gesalzenen fünf Euro für den Eintritt in einen abgesperrten öffentlichen Weg und Bereich, der mich ein Wochenende lang zu Umwegen zwingen wird, weil ich mich nicht kostenpflichtig von kurzhaarigen Schlägertypen befummeln lassen will.

machen den spirituellen Grundton aus, […]

…der seine Unterstützung darin findet, dass man auch am extra verkaufsoffen gemachten Sonntag Tinnef kaufen kann. Und die unterbezahlten Elendsangestellten in den Läden können sich so etwas wie Spiritualität eh nicht leisten.

[…] der dem Fest seine besondere Atmosphäre verleiht.

Schön zu wissen, dass die Atmosphäre der alten Fährmannsfeste derart vergiftet zum Himmel stinkt, dass ich meinen Arsch bestimmt nicht in Sperrzone zwischen Hannover und Linden bewegen werde.

Wir sehen uns!
Euer Fährmannsfest-Team

Ihr seht euch vielleicht, mich nicht.