Immer im Kreis

Und immer noch herrscht Kreisverkehr am Deisterplatz, die einen wollen rein und die andern wollen raus. Davon kann einem schon manchmal ganz schwindelig werden.

Rein wollten zum Beispiel die Hausbesetzer in die Limmerstraße 98, aber vor ihnen wollte auch ein neuer Besitzer rein, um das Haus abzureißen und es durch etwas zu ersetzen, das wohl nicht hübscher sein wird. So kamen die Polizisten reingestürmt, die Besetzer mussten wieder raus und in den nächsten Tagen oder Wochen wird wohl die Abrissbirne etwas zu tun bekommen. Wer etwas besitzt, wird nun einmal vom Geld entschieden, und wer etwas besetzt, weiß das eigentlich. Das liegt alles an Orrmpt.

Orrmpt war einer unserer Vorfahren. Von uns ist er durch den trägen Strom der Jahrtausende getrennt. Er hatte eine dichtere Behaarung als die meisten heute lebenden Menschen und lebte in einer Zeit dünnerer Besiedlung zusammen mit einigen anderen Wesen, die ebenfalls so einen kuscheligen Haarwuchs hatten, irgendwo in einer sumpfigen, mückenverseuchten Ebene. Eines sommerlichen Morgens, als die Sonne sich über dem feuchten Wald erhob, und als die Vögel in den neuen Tag zwitscherten, als wollten sie damit ihre kleinen Kehlchen zerstören — Twitter war noch nicht erfunden, ja, noch nicht einmal das elektrische Licht, und eine besonders starkbehaarte Expertenkommission hatte gerade erst festgestellt, dass „rund“ eine bessere Form fürs Rad ist als „dreieckig“ — da wachte diese ganze kleine Gemeinschaft auf und ging mit fröhlichem, monotonen Gesang an die unausweichlichen Tätigkeiten eines neuen Tages. Überall um Orrmpt herum sah man Wesen, die ihm brüderlich ähnlich sahen, beim Herstellen von Werkzeug, beim Fischfang, beim Teilen der Jagdbeute von gestern, beim Sammeln von Beeren und beim Ficken. Nur Orrmpt machte das alles nicht mit. Er saß mit grießgrämigem Gesichtsausdruck — selbst durch den bärenhaften Bart war das unübersehbar — auf einem großen Stein, der nahe bei der primitiven Siedlung lag. Als ein anderes dieser Wesen an Orrmpt vorbeiging, fiel ihm auf, dass etwas mit Orrmpt nicht stimmte, und es grunzte: „Sachma, Orrmpt, was sitzte hier so miesgelaunt? Haste Verstopfung?“ Und Orrmpt antwortete in einem etwas bellenderem Tonfall als sonst: „Auf diesem Stein, da sitze ich, ja, dieser Stein ist mein Besitz“. Ein drittes dieser Wesen, das schon länger etwas Abstand zu den anderen in der Gruppe hielt und sich auch vor diesen ganzen Tätigkeiten zu drücken suchte, die jeder neue Tag immer wieder von Neuem mit sich brachte, hörte dieses Gespräch und ging daraufhin entschlossen auf die beiden zu und grunzte zu Orrmpt gewandt: „Und ich bin Rechtsanwalt und stelle dir jetzt in doppelter Ausführung eine Besitzurkunde aus, zusammen mit meiner Kostennote.“ Und so hat die ganze Scheiße eben angefangen.

Aber wer meint, dass die fragwürdige „Aufwertung“ des Stadtteils Linden… sorry… innenstadtnahen Wohnquartiers Linden nicht einfach einsetig denen überlassen werden sollte, die darin das gute Geschäft sehen, hat an sich meine volle Sympathie. Schade nur, dass die Hausbesetzer in ihrer Selbstdarstellung so mit den Menschen kommuniziert haben, die direkt vom Zerfall Lindens betroffen sind, dass meine Sympathie auch gleich wieder erstickte — und auch ansonsten haben sie ja gar nicht so recht eingesehen, wozu dieses Ding namens Kommunikation gut sein könnte. Ja, sie klangen fast schon ein bisschen wie Orrmpt…

Es geht eben immer nur im Kreise am Deisterplatz.

Hängt sie höher!

Und immer noch geht am Deisterplatz alles im Kreise, die einen wollen rein und die andern wollen raus.

Rein will zum Beispiel die SPD. Nein, nicht nach Linden, da hat die Buhlmann ja schon längst ihr Büro, sondern — viel schlimmer — in den Bundestag. Und weil gerade so schön Wahlkampf ist, wo die antretenden Parteien mal wieder so richtig schön den Stimmviechern zeigen müssen, dass sie politische Kommunikation für eine Einbahnstraße halten, hängen natürlich überall Wahlplakate in Linden aus. Vor allem von der SPD und von der Linkspartei, aber auch über die MLPD ist mein Auge gestolpert. Man scheint in den Parteien zu glauben, dass die Parteien wegen der Plakate gewählt würden…

Ich würde ja gern etwas Inhaltliches zu den SPD-Plakaten sagen, aber dafür müssten sie so etwas wie Inhalte haben. Wenn dieses Testbild der SPD, dieser charismatische Buchhaltertyp Steinmeier, unter einem Foto von ihm in seinem intensiv grauen Sacko irgendwas mit „Anpacken“ drucken lässt, wirkt das nicht nach Inhalt, noch weniger glaubwürdig, sondern es wirkt nur nach einem schlechtem Witz.

Der wird übrigens auch nicht lustiger davon, dass er im Abstand von zwei Laternenpfählen wiederholt wird.

Aber etwas anderes ist lustig an diesen Plakaten.

Ist es euch auch aufgefallen, wenn ihr die Limmerstraße lang gegangen seid? Die Plakate dieser Partei, die alles Soziale und Demokratische so weggelassen hat, dass eben nur noch die Partei übrig geblieben ist, die hängen in diesem Sommer hoch, dass man nicht mehr rankommt. Ich glaube, das ist ein Symbol für „Bürgernähe“.

Früher hingen jedenfalls nur die Plakate der NPD so hoch… :mrgreen:

Nee, heute will ich mal raus hier. Wenn sich nur nicht immer alles im Kreise drehen würde…

Vom Rein, Raus und vom Schmuck

Da steht man hier am Deisterplatz, der Sommer ist angenehm schwül, das Bier, das will fließen immerfort die trockene Kehle hinab und alles fährt nur immerfort im Kreis — die einen wollen eben rein, und die andern wollen raus. Dass dem ollen Turm noch nicht schwindlig geworden ist…

Ist euch eigentlich aufgefallen, wie still es um das Ihmepark Lindenzentrum (oder so ähnlich) geworden ist? Nichts mehr hört man von diesem angesoffenen Plan einiger durchgeknallter Kaufleute, einen Haufen rottigen Stahlbetons als einen „Park“ zu verkaufen und damit die Leute für dumm verkaufen zu wollen. Bei der Stadt Hannover hat man sich ja für dumm genug verkaufen lassen, um diesen gefährlichen Dummfug in jeder nur erdenklichen Weise zu fördern, und die hannöversche Presse  hat fast so getan, als wisse sie gar nichts von den Robusten Wirklichkeiten, die da zwischen den trüben Fluten der Ihme und einer Blumenauer Straße angehäuft wurden, die eben so „hübsch“ ist, wie eine Durchgangsstraße ohne besonderes Leben nun mal „hübsch“ ist. Alles vorbei. Carlyle wollte eine Menge Geld mit dem Irrsinn reinkriegen und ist jetzt raus, die Bewohner des Ihmezentrums sind immer noch drin in ihrem Mahnmal des Brutalismus und ein wenig andächtiges, dafür umso mehr der Verdrängung dienendes Schweigen hat sich breit gemacht. Neulich haben sich da in Hannover sogar so ein paar total spezielle Extra-Spezialexperten hingesetzt, um darüber zu reden, ob das „Konzept Linden-Park“ in der jetzigen Lage überhaupt noch angemessen ist. Ach! Hätten sie sich diesen Kopf nur vorher gemacht, die Großkopferten! Was wäre uns allen erspart geblieben.

Sehr schön übrigens die Financial Times Deutschland:

Ein hohes Risiko ist dagegen die Landesbank Berlin (LBB), inzwischen allein in der Hand der Sparkassen, im Ihme-Zentrum eingegangen: Zeitungen nennen die Wohn- und Shoppinganlage unweit der City von Hannover mittlerweile den „größten Schrotthaufen Niedersachsens“. Seit Februar ruhen hier die Umbauarbeiten. Bei der Errichtung Anfang der 70er hatte der fast einen Kilometer lange Bau das größte Fundament Europas, rund 2000 Menschen wohnen hier. Nun haben sich Töchter des US-Finanzinvestors Carlyle beim Umbau einer riesigen Einkaufspassage im Ihme-Zentrum verhoben. 200 Mio. Euro sollten investiert werden. Jetzt regiert hier der Insolvenzverwalter. Hauptgläubigerin des Minus-Projekts: die LBB.

Und da sagen diese Spinnköppe immer, ich sei negativ!

Die Frage, wer die Rechnung für den hellen Wahn bezahlt, wird sich in den nächsten Monaten von allein beantworten. Und jeder, der lieber das dumme Geld des Staates und der Stadt in wirklich nachhaltige und zukunftsfördernde Infrastruktur gesteckt gesehen hätte, also zum Beispiel in öffentliche Leihbüchereien, der kann nur noch so lange seinen Kopf gegen die nächste Wand schlagen, bis der bohrende Schmerz im Hirne nachlässt.

Nein, da muss man als schnodderiger Deist des Geisterplatzes den Blick, der im grellen Sommer trüb zu werden droht, doch schnell an einem anderen Orte nach dürrem Troste suchen lassen.

Kennt ihr eigentlich den Schmuckplatz? Klar, wer am Kötnerholzweg lebt oder öfter mal die Ahlemer Straße heruntergeht, der kennt den Schmuckplatz. Viele Orte in Linden haben recht unpassende Namen, es gibt zum Beipspiel eine Stärkestraße, in der viele sozial Schwache leben, eine Pavillionstraße, unter deren Mietskasernen man alles mögliche findet, aber keine freistehenden Gebäude oder auch eine Grotestraat, de is sowat von lütt. Aber wenn ich einen Kandidaten für die unpassendste offizielle Bezeichnung in Linden benennen müsste, denn nähme ich den Schmuckplatz, denn der…

Schmuckplatz — ein Schmuck ist das nicht!

…ist alles andere als ein Schmuck.

Und zwar schon seit Jahren nicht mehr.

Früher einmal, als ich noch ein kleiner Kuddel war und die Welt verheißungsvoll und der Himmel blau erschien, da war das ein Spielplatz. Genau richtig für alle Kinder,  die von ihren Eltern gegen karzinogene Abgasbestandteile abgehärtet werden sollten. Es war kein stark frequentierter Spielplatz, und deshalb ist es vielen wohl kaum aufgefallen, dass da auf einmal ein Zaun drumherum war. Wem es aber auffiel, der ging einmal hin, zu sehen, warum man denn jetzt diesen hübschen Platz abgesperrt hatte. Und wer Augen hatte, um zu sehen, der sah am Zaun ein Schild. Dieses trug die Aufschrift „Dieser Spielplatz ist wegen Schadstoffbelastung vorübergehend gesperrt“ — in der Tat, diese Sperrung war „vorübergehend“, denn auch die vielen Jahre der Sperrung gingen einmal vorbei. Mancher fragte sich im Vorübergehen, ob die Schadstoffe auch ja auf den Zaun achten würden und nicht etwa auf die Idee kommen, auch ein bisschen in die Umgebung zu diffundieren.

Ja, und irgendwann wurde der Schmuckplatz eben „saniert“ und umgebaut. Er sieht jetzt so aus wie auf dem Foto und könnte ja durchaus ein hübsches Schmuckstück in Linden-Nord sein, wenn er nur hübsch wäre.

Nee, die einen wollen rein, die andern wollen raus und ich bleib einfach drinnen, bis man mich hier rausträgt. Und ich freue mich über das bunte Treiben derer, die hier unter dem üblichen Lug der lokalen Journaille ihre Geschäftchen treiben wollen — und scheinbar doch nicht zum Zuge kommen. So ein Zeitgenosse, der mich über meinen „Wohnstandort“ im „städtischen Quartier“ Linden und seinem „Image“ ausbefragen wollte, ist mir jedenfalls nicht übern Weg gelaufen. Dafür habe ich jede Menge heiterer, handgeschriebener und fotokopierter Zettelchen überall kleben gesehen, die vor diesen neuerlichen Anlauf zum Ausverkauf Lindens gewarnt haben. Die Zettelchen wurden zwar immer wieder abgerissen, sie wurden aber auch immer wieder neu geklebt — und im Gegensatz zur herrgottsdummen Bullshit-Sprache des offenbar gekauften Artikels im Lindenspiegel, mit der den Menschen in Linden dieser vergiftete Keks schmackhaft gemacht werden sollte, waren diese Zettelchen in einem allgemein verständlichen Deutsch beschriftet. Ob da den Heimatverkaufsgeologen wohl so viel Widerstand entgegen gekommen ist, dass sie sich lieber eine Zeit mit etwas geringerer allgemeiner Aufmerksamkeit aussuchen wollten?

Es dreht sich eben alles im Kreise. Vor allem dort, wo der Schwindel betrieben wird.

Gruß auch an Nicolas!

Ich kotze in die Zeitung

Die Zeitung von gestern taugt […] im besten Falle noch dafür, als Unterlage in einem Vogelkäfig benutzt zu werden, um den Kot der darin eingesperrten Vöglein vom Kasten fern zu halten. Im Regelfall wird sie allerdings zu genau dem Altpapier, das sie konzeptionell bereits bei ihrer Herstellung war.

Elias Schwerdtfeger

Und stetig herrscht der Kreisverkehr am Deisterplatze, die einen wollen rein und die anderen wollen raus. So geht es rund und rund, bis einem ganz schwindlig von alledem wird. Raus wollen wohl immer noch viele „Bewohner“ der größten Baustelle der Stadt Hannover, auf der inzwischen sogar wieder etwas Bautätigkeit zu bewundern ist. Wohl auch, weil einige Investoren da schon so viel reingebuttert haben und doch noch etwas rauskriegen wollen — zumindest ein bisschen mehr als einen Totalverlust. Und deshalb stecken sie halt noch etwas Geld hinein in das schier unersättliche Millionengrab aus Beton. Dass man die Substanz der Tiefgarage nicht allzu lange dem Risiko eines möglichen Hochwassers aussetzen will, ist der verständliche Teil daran. Vermutlich haben sich nach dem Frühjahr selbst die reinrassigen Geldanbeter aus den glanz- und raubvollen Banktempeln insgeheim beim Herrgott bedankt, dass es kein an der Substanz nagendes, typisches Frühjahrshochwasser gab und dass so die Sprengung der Betonburg noch einmal hinausgezögert werden konnte. Der etwas weniger verständliche Teil ist das werkelnde Gewusel in den Läden der zukünftigen Pleitiers an der Blumenauer Straße. Bei dem vielen Kreisverkehr an einem betonblühenden Park und dem ganzen Schwindel drum herum könnte man den Deisterplatz glatt in die Blumenauer Straße verlegen, ein monströser Turm steht dort ja schon…

Aber das ist es ja gar nicht. Also: Das ist nicht das, was so unerträglich juckt, dass der schattenhafte Beobachter am Deisterplatz so sehr von seinem Juckreiz gequält wird, dass er sich einfach mit ein paar hingekratzten Zeilen Text Erleichterung verschaffen muss. Nein, das heutige Juckpulver ist ein ganz anderes, es fand sich im Lindenspiegel für den Monat Juni 2009, der gerade ganz frisch in die arg- und wehrlosen Briefkästen Lindens gestopft wurde, um den Menschen in Linden den beginnenden Sommer zu vermiesen.

weiter…

Nazis und Flaschen

Ja, so ist das am Deisterplatz. Die einen wollen rein, die andern wollen raus und steht man in der Mitte, so dreht sich immerfort alles nur im Kreise. Aus dem Von-Alten-Garten weht ein würziges Brislein angekokelten Fleisches in die Nase, die ins Gras gestreuten Narzissen lassen zum Beginn des warmen Mai ihre welken Köpflein hängen, und auch bei so manchem anderen hängen die Köpflein.

Zum Beispiel bei den paar Nazis, die rein wollten. Denen wurde ihre Demonstration für „nationaler Sozialismus jetzt“ nach Ausschöpfung des Rechtsweges endgültig verboten. Dass sie trotzdem reinwollen, steht wohl außer Frage, genau so, wie es für ein deutsches Gericht völlig außer Frage steht, dass die Forderung der Fleischmützen nach irgendeinem „nationalen Sozialismus“ gar nicht das ganz große Problem darstellt. Schließlich ist man hier demokratisch, und für einige Leute werden die Grundrechte im Zweifelsfall bis zur Vergasung garantiert. Nein, die Begründung für das nunmehr gerichtlich bestätigte Verbot einer Demonstration durch das Polizeipräsidium ist da viel kreativer und auch für beliebige spätere Situationen ausbaufähig. Es handelte sich ja um einen polizeilichen Notstand, da wegen der gewaltbereiten Gegendemonstranten gewaltsame Auseinandersetzungen zu befürchten seien, die polizeitaktisch gar nicht mehr handzuhaben wären. Wenn hingegen ein paar Mitmenschen ausländischer Herkunft die Gesichter eingetreten werden könnten, ist das „polizeitaktisch“ wohl ein minderes Problem. Das sieht man sogar in Karlsruhe ein

Euer Kurt findet, dass das eine ganz tolle Begründung mit viel juristischem Stretchgummi ist. Wenn euch demnächst einmal eine Demonstration nicht passt — egal, ob es dabei um Kleingärten, nationalen Sozialismus, den Erhalt der gefährdeten Viehbremsen oder das gesetzliche Verbot des Biertrinkens in Sackgassen geht — denn macht einfach zwei Handvoll Websites bei irgendwelchen anonymen und kostenlosen Webhostern auf, in denen ihr zum entschiedenen und radikalen Widerstand aufruft! Und vergesst nicht ein paar schön radikal formulierte Flugies. Die müsst ihr ja nicht groß verteilen; Hauptsache die Polizei kriegt sie in die Hände! Je drei Stück im Glocksee, im Stumpf, in der Faust und in der Korn auslegen, da finden sie schon die „richtigen“ Leser! Mehr Material hatten die Verwaltungsrichter auch nicht vorliegen, als sie die Entscheidung unserer werten Polizisten bestätigt haben. Jetzt braucht ihr nur noch die Verbindungen zum gehobenen Dienst in der hannöverschen Polizei oder gar einen Arbeitsplatz an diesem Orte, um dort dafür zu sorgen, dass auch ein polizeiliches Interesse an einem Verbot aufkommt. Und schon ist jede nur denkbare Demonstration ein Grundrecht, dass endlich am tiefsten Grunde angekommen ist. Ich bin jetzt schon irre gespannt, welche Demo als nächstes mit einer vergleichbaren Begründung verboten wird, und ich bin mir jetzt schon sicher, dass so mancher Antifaschist viel zu früh aufatmet. Die Telepolis hat hierzu übrigens einen Kommentar, der an Deutlichkeit kaum zu wünschen übrig lässt.

Wenn alle so rein und raus wollen, denn dreht es sich eben so im Kreise, dass einem fast schwindlig davon werden kann. Vor allem, weil sich das immer mit so viel Schwindel verbindet.

Aber nicht nur davon kann einem schwindlig werden, auch der Konsum einiger Hektoliter alkoholischer Getränke ist ein Angriff auf den Gleichgewichtssinn.  Da haben sich doch welche aufgerafft, die Straßen von Linden zu beleben, indem sie ein Botellón in Linden veranstalten. Das ist so etwas wie ein kollektives Rudelsaufen unter freiem Himmel, also ungefähr das, was wir alle vom Küchengarten in alten Zeiten kennen, nur ein bisschen mehr Leute und ein bisschen mehr Saufen und ein bisschen mehr ungemütliches Stehen dabei. Durchaus nicht der Ideen schlechteste; ein schöner Kontrapunkt zu den Ödnissen, die in jüngerer Zeit in Form diverser viel zu schicker Kneipen für das studentische und sozialpädagogische Publikum erblühen, das sich in Linden wegen des als schick empfundenden, alternativen Flairs zu verwurzeln sucht. Die Straßen sind es zwar diesmal nicht geworden, aber immerhin schon einmal die Dornröschenbrücke. Wenn die Veranstalter und alle Beteiligten jetzt auch noch begreifen, dass die Glasscherben zerdepperter Flaschen weder gut für des Hundes weiches Pfötchen nur für das Drahtesels luftgefülltes Schläuchlein sind, denn wird vielleicht auch ein Lindener bemerken können, dass es sich hier um ein „Lebendiges Linden“ und nicht um einen eher barbarisch geratenen Abklatsch der Nordstadt handelt. Vielleicht wurde aber auch nur so sehr um die virtuellen Gemeinschaften 2.0 bei Twitter gekreiselt, dass darüber das wirkliche Miteinander der Menschen aus den Augen verloren ging. Aber vielleicht wird es ja auch beim nächsten Mal viel besser.

Ach ja, es ist ja der erste Mai! Gleich ein neuer Grund zum Saufen! Eventuelle Erinnerungen an eine Arbeiterbewegung, die einmal jenen sozialen Mindeststandard des zivilisierten Miteinanders erkämpft hat, der jetzt mit fragwürdigen Begründungen auf der Abschussliste steht, können dank des arbeitsfreien Tages der Arbeit einfach unter den blühenden Kastanien mit bitterem Bier weggespült werden.

Was dabei wohl so alles mitgespült wird?

Gute Nacht!

Der Turmbau zu Linden

Am Deisterplatz ist Kreisverkehr, die einen Straßen führen in die Ferne, die anderen nach Linden. Die einen wollen rein, die anderen wollen raus, und für Kurt, der bei scheußlichem Regenwetter neben dem ollen Turm steht, dreht sich doch alles immer nur im Kreise.

Rein wollte zum Beispiel die Carlyle-Group, rein in das Ihmezentrum. Die Pläne tönten groß, man dachte fast an den biblischen Turmbau zu Babel. Wohlan! Lasst uns ein Einkaufszentrum bauen, dessen Kosten bis an den Himmel reichen! Und so strichen sie das Geld anderer Leute ein, türmten Schulden auf und ließen allerlei Arbeiter im Beton sägen, bohren und hämmern, um das triste Grau der Siebziger Jahre in die triste Glas- und Stahl-Ästhetik der Nuller Jahre umzumodeln, auf das die Menschen ihr immer weniger vorhandenes Geld in Lach- und Fachmärkten ausgeben. Doch der Herr der Finanzen schaute von der fernen Berliner Landesbank aus auf dieses umtriebige Treiben und stellte fest, dass es doch bessere Anwendungen für Geld als die gute, alte Verbrennung gibt; und so brach das windige Kartenhäuschen aus Bullshit und fortgeschrittener Volksverblödung einfach in sich zusammen. Der Bauherr ist offenbar gar nicht erst am Säckel krank geworden, sondern war es schon von Anfang an. Die Sprache ist seit diesen Ereignissen ein wenig verwirrt, und an Stelle einer Kommunikation schieben sich Carlyle und Berliner Landesbank gegenseitig den Schwarzen Peter zu — den Rest erledigt der Insolvenzverwalter. Aus dem grauen Turm wurde, nachdem er mehr als ein Jahr lang die größte Baustelle der Stadt war, die größte Ruine der Stadt, und die Verantwortlichen sind längst getürmt. Ob wohl nun noch jemand etwas mit der Ruine anfangen will? Also: Jemand anders als der Schuppen 68? So groß vor Kurzem noch die Pläne tönten, so mickrig das jetzige Gehabe.

Es dreht sich halt alles im Kreise am Deisterplatze, die einen wollen rein und die anderen wollen raus. Die Sprache ist verwirrt, die hannöversche Presse schweigt gar völlig zu diesem kommunalpolitischen Großzirkus, und die Zeche zahlen wohl die Bürgen der Stadt. Ach nee, das heißt ja „Bürger“.

Raus möchte jetzt wohl am liebsten so mancher Bewohner des Ihmezentrums. Wer will schon gern in einer Ruine leben? Manchmal kann sich erworbenes Wohneigentum in ein rechtes Wahneigentum verwandeln, und aus dem Traum von der eigenen Wohnung wird der Albtraum eines Klotzes, den man am Bein hängen hat und dem man beim täglichen Zerfall der Substanz und beim Wertverlust zuschauen kann. Egal, was die Werber schwülstig schwätzen, aus einem Menschenschließfach aus Beton wird eben doch kein Park.

Wer hat eigentlich ernsthaft geglaubt, dass ein 08/15-Einkaufszentrum am Rande der Stadt Hannover genügend Strahlkraft entfalten könnte, um massenhaft Kaufvieh anzulocken? Es handelt sich ja nicht um die Innenstadt mit der damit verbundenen Laufkundschaft und einer eigenen Attraktivität. Die Lindener haben jedenfalls bessere, gemütlichere und schönere Orte zur Auswahl, wenn sie sich die paar Güter des täglichen Bedarfes kaufen wollen — und deshalb ist seit den Siebziger Jahren die Geschichte des Ihmezentrums eine Geschichte der Pleiten. Hol es doch der Gerichtsvollzieher! *kuckuck!*

Es geht eben immer im Kreis, und manchmal kann einem schon ganz schwindlig werden — bei so viel Schwindel. Während sich an der ollen Hanomag ein Arbeiterdenkmal auf einen überdimensionierten Hammer stützt, bleibt die unerledigte Arbeit in der Ruine weiterhin liegen. Weiß der Pleitegeier, was daraus noch werden soll. Unvergessen bleibt uns allen, wie der warme Fiebertraum der Modernität aus den Siebziger Jahren drei Jahrzehnte später aussah — das liefert gleich einen Eindruck davon, wie die heutigen Beglückungsideen der Architekten in einer gar nicht so fernen Zukunft wirken könnten:

Vor etwa 30 Jahren war der Gebäudekomplex ein Symbol der Stadtmoderne und wurde folglich auch als Motiv für Ansichtskarten verwendet

Gute Nacht!