Glückwunsch, Polizeidirektion West…

…dass ihr nicht in die Betonruinen des Ihmezentrums ziehen müsst. Besonders erfreulich finden wir es, dass ihr demnächst jenseits der Fösse im „Stichweh-Leine-Park“ (ist eigentlich neuerdings jede abstoßende Architekturruine ein Park?) seid und somit nicht mehr in Linden. Und ansonsten freuen wir uns schon darauf…

Der Polizeivizepräsident kann daher auch der Sorge entgegentreten, dass die Polizei ihre Präsenz im bevölkerungsreichen Stadtteil Linden vermindern werde. „Das Gegenteil wird der Fall sein“, versichert Langer, der die Inspektion früher selbst geleitet hat. „Wir werden unsere Präsenz in Linden sogar noch erhöhen können. Überdies sind wir in Zukunft ja nur wenige hundert Meter außerhalb Lindens, und der neue Standort ist mit öffentlichen Verkehrsmitteln sehr gut zu erreichen.“

…dass noch mehr blaue Wagen im Schritttempo an uns vorbeifahren und alles skeptisch beäugen und willkürlich personenkontrollieren, was nach Leben auf den Straßen aussieht — und damit anders als das durchschnittliche Dasein eines Polizeibeamten. ;-)

Lindenspiegel im Wandel

Wir erinnern uns. Im Juni vergangenen Jahres beizte der Lindenspiegel die Gehirne mit seiner aufdringlichen Reklame (natürlich im redaktionellen Teil) für Vorfeldmaßnahmen zum weiteren menschlichen Rückbau Lindens, so dass ich fast in die Zeitung gekotzt hätte. Überschrieben war der als studentische Umfrage verpackte Scheiß mit dem Titel „Linden im Wandel„, aber in Wirklichkeit befindet sich nur der Lindenspiegel im Wandel. Er folgt dem gesellschaftlichen Trend zur intellektuellen Ghettobildung und besteht folglich auch aus zwei Teilen: Der inliegenden „Interkulturellen Stadtteil Zeitung“, die vieles von der bunten Wirklichkeit unserer Heimat abbildet, und dem scheinbar journalistischen Blatt, dass in erheblichen Teilen zu einer Verdummung frisch aus der Rotationsmaschine verkommen ist. Gleich, ob dabei unter dem lächerlichen Vorwand einer „gesundheitlichen Aufklärung“ heiter für allerlei mehr oder weniger wirksame Mittelchen aus den Apotheken und aus der Quacksalberei der Schönheits- und Lifestyle-Branche Reklame gemacht wird, oder ob offenbar irgendwelche schnell abgeschriebenen Presseerklärungen notdürftig um ein paar Sätze ergänzt werden, damit auch der Eindruck von Pressearbeit entstehe. Am Deisterplatz, wo sich immer noch alles im Kreise dreht, wenn die einen rein und die anderen raus wollen, flatterte mir die Februar-Ausgabe dieses in die wehrlosen Briefkästen gestopften Käseblattes vor die Füße.

Dieses Blatt, das sich noch am besten dazu eignet, zu einer Spucktüte gefaltet zu werden, damit man es besser vollgöbeln kann, nahm noch einmal Bezug auf die „studentische Untersuchung“, die im vergangenen Sommer unter der Leitung von Frau Dipl.-Geogr. B. Tutkunkardes durchgeführt wurde. Natürlich wurde dabei nicht erwähnt, dass in ganz Linden Flugzettel geklebt und — im Gegensatz etwa zur wild plakatierten Werbung — auffällig beflissen auch entfernt wurden, die das Fragwürdige dieser Untersuchung in den Sinn rufen wollten, und es wurde auch nicht mehr so viel von den „Veränderungen der baulichen, sozialen und kommerziellen Struktur […], die insgesamt eine Aufwertung und einen sukzessiven Imagewandel der Altbauquartiere mit sich bringen“ gefaselt, sondern etwas sehr anderes, aber lest es doch selbst:

Linden ist Gegenstand eines Europäischen Forschungsprojektes

Was kann Stadtplanung zur Sicherheit der Bürger beitragen?

In der Tat, eine drängende Frage in einem Stadtteil, in dem sich die meisten darin lebenden Menschen recht wohl und gar nicht unsicher fühlen. Diese Frage wird dann auch beantwortet. Offen bleibt jedoch die Frage, warum die Schmierfinken, die diesen Artikel hingerotzt haben, so sehr auf die Vergesslichkeit der Menschen in Linden bauen können. Das hier heißt Linden, nicht Alzheim.

Im letzten Jahr gab es im Rahmen eines studentischen Projekts eine Umfrage unter Lindener BürgerInnen zur Einschätzung ihres Stadtteils.

Ja, diese Umfrage gab es, wir wissen es noch genau. In dieser Umfrage ging es um alles mögliche, aber selbst der so energisch kommentierende Fürsprecher namens Nicolas nahm nicht das Wort von der Sicherheit in den Mund. Immerhin wurde uns in seinem Kommentar sogar vorgeworfen, eine „Weltverschwörung“ an die Wand zu malen, wo es doch nur um ein ganz kleines, ach so wohltätiges lokales Projekt ginge — übrigens ein Wort, das der Leser eher in seinem Kopfe als in der Kritik seiner Untaten fand. Nun, eine Weltverschwörung liegt immer noch nicht vor, aber immerhin schon einmal ein „Europäisches Forschungsprojekt“… ;-)

Der Lindenspiegel berichtete darüber und stellte im September die Ergebnisse vor. Linden wurde von der großen Mehrheit seiner BewohnerInnen außerordentlich positiv und als interessant und lebenswert beurteilt.

Und das soll sich nun ändern… :mrgreen:

Was aber macht einen lebenswerten Stadtteil aus?

Vielleicht die Tatsache, dass er so ist wie Linden? Bunt, lebendig, größtenteils harmlos und sehr vielfältig? Und dass in einem solchen Stadtteil nicht nur irgendwelche Entseelungsreste rumlungern, die aus jedem menschlichen Miteinander einen sozial optimierten Geschäftsvorgang machen wollen?

Ich meine ja nur mal so, als Nichtwisschenschaftler. Aber beim Lindenspiegel schreibt man lieber etwas ganz anderes ab, um die erste Seite des Blattes zu bestempeln.

Aspekte dabei sind u. a. die gefühlte Sicherheit und das tatsächliche Kriminalitätsaufkommen.

Ah ja! Mehr Polizisten, Überwachungskameras und weniger öffentlicher Raum, der zum kostenlosen Verweilen und Leben einlädt. Schon ist dieses ganze Pack — sorry: — schon sind die Lindener von der Straße und alles sieht viel sicherer aus.

(Vielleicht als kleine Krone noch ein Gefängnisneubau an Stelle des Ihmezentrums? Die Burg-Ästhetik passt ja schon ganz gut.)

Das Landeskriminalamt Niedersachsen hat hierzu ein internationales EU-Forschungsprojekt initiiert, das die Lindener BürgerInnen mit einbinden soll.

Hmm, kommt mir bekannt vor:mrgreen:

Seit […]

Wie, das läuft schon? Haben wir aber gar nichts von mitbekommen. Da hatte der Lindenspiegel wohl noch keine Unterlagen, was? Und das hat gar nichts mit diesem „studentischen Projekt“ zu tun, das nur zufällig…

[…] dem  01.07.2009 […]

…an so einem ähnlichen Termin begann und nur zur Zierde eingangs des tollen und gewohnt hochqualitativen Artikels im Lindenspiegel erwähnt wurde.

Ebenfalls ist es wohl nur ein Zufall, dass dieses Thema gar nicht existierte, als diese Studenten da letzte Woche im Freizeitheim Linden in trauter Gemeinschaft mit dem Stadtplanungsamt ihre lieblichen Ideen zur Vernichtung meiner Heimat vorgestellt haben. Die werden da ja nur zur Zierde erwähnt, deshalb wissen die auch nichts davon. Und einige scheinen zu glauben, dass die Menschen in Linden ihren Kopf nur für den Friseur tragen.

[…] läuft das Projekt „PluS — Planning urban Security / Planung urbaner Sicherheit“ […]

Und nicht vergessen. Das „u“ in „urban“ wird nicht als „ö“ ausgesprochen, sondern als langgezogenes Schwa. Oder vielleicht doch gleich das deutsche Wort nehmen. Heißt ja genau so, schreibt sich genau so und die Abk. bleibt auch gleich. Ach ja, „urban“ kommt übrigens vom lateinischen Adjektiv „urbanus“, das so viel wie „zur Stadt gehörend“ bedeutet. Klingt ja auch gleich viel gebildeter, wenn man mit den Leuten Fremdsprachen spricht.

[…] zur Kriminalprävention im Städtebau.

*prust!*

Das Projekt untersucht, wie man durch gezielte Maßnahmen im Städtebau die Sicherheitslage beeinflussen und die Anzahl von Straftaten reduzieren kann.

Und ich dachte immer, deshalb kreist der Hubi so oft über Linden und raubt uns die Ruhe.

Mein Vorschlag, ganz unwisschenschaftlich: Ausgehverbot bei Dunkelheit, Totalüberwachung, Verbot öffentlicher Versammlungen von mehr als null Leuten und vor allem die Menschen von der Straße holen. Aber diese Wisschenschaftler wissen das bestimmt besser. Vor allem, besser auszudrücken.

Als herausragendes Beispiel für verbesserungswürdige Stadtplanung sei hier nur das in Linden allseits so beliebte Ihmezentrum genannt.

Oh, da hat doch tatsächlich jemand einen Absatz in den beim Hinschauen wie übernommen aussehenden Text reingebastelt. Neben so viel Realsatire kommt die Ironie aber leider nicht durch.

Zusammen mit PartnerInnen aus Deutschland (Hannover), Großbritannien (Manchester), Polen (Stettin) und Östereich (Wien) soll u. a. den Fragen nachgegangen werden, welche kriminalpräventiven Ansätze im Städtebau es in Europa bereits gibt und welche Maßnahmen auf andere Länder übertragen werden können, um die Sicherheitslage zu verbessern.

Was das nun für obskure Partner_innen (scheiß alternativtümelnde BinnenMajuskel!) sein sollen, wird in der Fülle dieses Textes besser verschwiegen. Statt dieser wirklich interessanten Information gibt es noch ein bisschen Blah:

 Das Bedürfnis nach Sicherheit ist für das Wohlbefinden der Bürgerinnen und Bürger von großer Bedeutung. Dieses subjektive Sicherheitsbedürfmnis lässt sich u.a. auch durch kriminalpräventive Maßnahmen im Städtebau positiv beeinflussen.

Ich sags ja, Blah. „Sicherheitsbedürfnis“ und „Maßnahmen“, kein WAS, kein WIE, nur WO — nämlich hier, in Linden.

Dabei gibt es bereits sichtbare Erkenntnisse aus Hannover-Linden.

Meint ihr damit jetzt die Wirtschaftskriminaltät, die uns dieses tolle Ihmezentrum zur Ruine gemacht hat?  In der Tat, vor so einer Scheiße von herzzerfressenen Arschlöchern ist auch in Linden keiner sicher.

Aber, um es noch einmal zu wiederholen, kein WAS, kein WIE, nur WO.

Ist Linden besser als sein Ruf?

Neben konkreten baulichen Maßnahmen, wie Verbesserung der Orientierung durch klare Wegeführung — im Ihmezentrum zweifellos dringend erforderlich — […]

Ach so, ihr wollt ein paar Wegweiser in einer langsam vor sich hin rottenden Großbaustelle haben. Na, das ist doch endlich einmal ein WAS und ein WIE, und was für eines! Da freut sich doch jeder, der da im Dreck leben muss, den Carlyle in Zusammenarbeit mit der Stadt Hannover hinterlassen hat.

[…] die Zuordnung privater Bereiche […]

Hmm

[…] und eindeutige Verteilung von Verantwortlichkeiten, spielt die Gegenüberstellung der tatsächlichen Kriminalitätslage mit der vorhandenen subjektiven Kriminalitätsfurcht der BürgerInnen eine große Rolle.

Hey, geil! Die Polizei will politische Aufklärungsarbeit leisten? :D

Das ist ein Schritt in die richtige Richtung. Aber nicht das gelegentliche Anlegen der Handschellen vergessen…

Das Untersuchungsgebiet in Linden-Mitte umfasst das Gebiet zwischen der Stephanusstraße, Falkenstraße, Ihmepassage und Blumenauer Straße.

Na, das ist doch eine gute Nachricht. Da ist ja auch dieses Sozpäd-Ghetto namens Gilde-Carré drin, und darin finden sich gewiss ein paar Neulindener, die ihre in der VR China gefertigte Tibet-Fahne schwenken, wenn sie ihrer Sehnsucht nach mehr Sicherheit Ausdruck verleihen — eine einfache Mauer reicht wohl nicht. Mit diesen netten Zeitgenossen, die sich leider noch nicht die schnieke Eigentumswohnung in der List leisten können, muss man sich ja schon öfter mal herumschlagen.

Ab Mitte Februar wird es eine Fragebogenaktion geben. Über 1000 Personen aus diesem Bereich werden nach dem statistischen Zufallsprinzip ausgewählt und gebeten, an der Befragung teilzunehmen.

Übrigens: Es gibt zwar ein Zufallsprinzip, und es gibt in der Statistik eine zufällig ausgewählte Stichprobe, aber das statistische Zufallsprinzip ist mir noch nicht begegnet. Ist damit jetzt gemeint, dass die Auswahl bei einer statistischen Untersuchung zufällig aussieht?

Über den Postweg oder online können Sie […]

Holla, ein großgeschriebenes „S“, ich fühle mich total persönlich angesprochen!

[…] dann Ihre Meinung zur Sicherheitslage im Stadtteil abgeben, […]

Da wird aber so richtig durchgemeint! Zum Ankreuzen!

[…] damit die Polizei als Partner im Städtebau […]

Bislang kannte ich Mitmensch Polizeibeamter vor allem mal mit einer Haltekelle. Aber so eine Maurerkelle ist auch ganz sympathisch.

(Ich muss mal aufs Klo, das Lachen lässt meine Blase explodieren.)

[…] bürgernah und gut vorbereitet […]

Auf was?

[…]  in den bereits erwähnten Ländervergleich gehen kann.

Wow! Ein Ländervergleich! Das ist ja fast schon eine Europameisterschaft! JEETZT GEEHTS LOOS! LINDEN WIRD MEISTER!

In was?

Natürlich darin, ein für die Polizei gut behandelbarer Stadtteil zu sein. MEISTER… *gröhl!*

Was kommt für Linden dabei heraus?

Letztendlich […]

Gutes erstes Wort. Zusammengesetzt aus Letzt und Ende.

[…] geht es um die Verbesserung der Lebensbedinungen unter der Perspektive eines friedlichen und möglichst konfliktfreien Zusammenlebens durch das Zusammenspiel von gebauter Umwelt und sozialräumlichen Engagement.

Manchem Bullshit begegnet man noch am besten, wenn man ihn gewähren lässt…

So, und jetzt ist dem Gestalter der Titelseite des Lindenspiegels noch ein weiterer Absatz selbst eingefallen, den er als Einfall in den Text fallen ließ, damit bei uns der Groschen fällt:

Es sollen Missstände wie sie zum Beispiel durch die Architektur des Ihme-Zentrums verursacht werden durch dieses Projekt auch aufgedeckt werden!

[Ausrufezeichen, Stilschwäche und Kommafehler aus dem Original, nicht von mir.]

Wer sich näher informieren will, wird vielleicht das folgende Angebot schätzen — es wäre wohl günstig, wenn eine gut gebildete und heimatverbundene Meinung nebst einiger Flaschen Herri zum besseren Ertragen des Gefasels mitgebracht werden:

Info-Veranstaltung

Eine öffentliche Informationsveranstaltung zu diesem Projekt findet am Mittwoch, 11. Februar ab 19 Uhr in der Aula der Grundschule Am Lindener Markt statt.  Dort, sowie unster www.plus-eu.com gibt es weiterführende Informationen für interessierte BürgerInnen.

Da kann man doch gar nicht widerstehen! Aber vielleicht widerstehen. Zur Hilfe und zur Motivation hier noch ein kleines Zitat der Website des Projektes — gemeint ist hier Linden, unsere Heimat:

„PluS“ baut auf der Erkenntnis auf, dass sich soziale Unordnung z.B. auf Grund von Armut, Arbeitslosigkeit, Desintegration und Delinquenz aus mehreren Gründen häufig in benachteiligten Stadtteilen ballt. Die Folge ist nicht selten, dass benachteiligte Orte dazu führen dass sie für die Bewohner und Bewohnerinnen zu benachteiligende Orte [sic!] werden können. […]

Durch das Zusammenspiel von planerischem und polizeilichem Konwhow [sic!] unter Beteiligung der Akteure und Akteurinnen vor Ort kann eine Beeinflussung der gebauten Umwelt [sic!] und des Wohnumfeldes im Hinblick auf die Tatgelegenheitsstruktur [sic!] und auf die vermittelte Lebensqualität eine erhebliche kriminalpräventive Wirkungen [sic!] haben.

Nur, damit wir nicht morgen sagen: „Gestern habe ich mich noch wohl gefühlt, aber heute fühle ich mich vor allem sicher“ — und wo Linden von Delinquenz geprägt ist, möchte ich mir gern zeigen lassen. Das Gefasel, das ich heute lesen musste, war hingegen von Flatulenz geprägt.

Unerwünscht Gelinktes

An sich freut sich der Gestalter einer Website ja über jeden Link auf sein Werk. Nicht so unsere kleine Lindener Stadtteilzeitung „Lindenspiegel“ (bewusst nicht verlinkt), denn dort gefällt es den Machern der Website gar nicht, von welchen anderen Orten im Internet diese Website zu erreichen ist. Und deshalb sieht man, wenn man etwa den Link vom Lindener Löwen auf den „Lindenspiegel“ folgt, seit kurzem den folgenden, kleinen Hinweis:

Wegen unerwünschter Verlinkung sind wir auf einen neuen Domainnamen umgezogen…

Wir hoffen, dass es nicht der kleine Link vom Lindener Löwen war, der zur virtuellen Auswanderung in das Vereinigte Königreich geführt hat.

Ich kotze in die Zeitung

Die Zeitung von gestern taugt […] im besten Falle noch dafür, als Unterlage in einem Vogelkäfig benutzt zu werden, um den Kot der darin eingesperrten Vöglein vom Kasten fern zu halten. Im Regelfall wird sie allerdings zu genau dem Altpapier, das sie konzeptionell bereits bei ihrer Herstellung war.

Elias Schwerdtfeger

Und stetig herrscht der Kreisverkehr am Deisterplatze, die einen wollen rein und die anderen wollen raus. So geht es rund und rund, bis einem ganz schwindlig von alledem wird. Raus wollen wohl immer noch viele „Bewohner“ der größten Baustelle der Stadt Hannover, auf der inzwischen sogar wieder etwas Bautätigkeit zu bewundern ist. Wohl auch, weil einige Investoren da schon so viel reingebuttert haben und doch noch etwas rauskriegen wollen — zumindest ein bisschen mehr als einen Totalverlust. Und deshalb stecken sie halt noch etwas Geld hinein in das schier unersättliche Millionengrab aus Beton. Dass man die Substanz der Tiefgarage nicht allzu lange dem Risiko eines möglichen Hochwassers aussetzen will, ist der verständliche Teil daran. Vermutlich haben sich nach dem Frühjahr selbst die reinrassigen Geldanbeter aus den glanz- und raubvollen Banktempeln insgeheim beim Herrgott bedankt, dass es kein an der Substanz nagendes, typisches Frühjahrshochwasser gab und dass so die Sprengung der Betonburg noch einmal hinausgezögert werden konnte. Der etwas weniger verständliche Teil ist das werkelnde Gewusel in den Läden der zukünftigen Pleitiers an der Blumenauer Straße. Bei dem vielen Kreisverkehr an einem betonblühenden Park und dem ganzen Schwindel drum herum könnte man den Deisterplatz glatt in die Blumenauer Straße verlegen, ein monströser Turm steht dort ja schon…

Aber das ist es ja gar nicht. Also: Das ist nicht das, was so unerträglich juckt, dass der schattenhafte Beobachter am Deisterplatz so sehr von seinem Juckreiz gequält wird, dass er sich einfach mit ein paar hingekratzten Zeilen Text Erleichterung verschaffen muss. Nein, das heutige Juckpulver ist ein ganz anderes, es fand sich im Lindenspiegel für den Monat Juni 2009, der gerade ganz frisch in die arg- und wehrlosen Briefkästen Lindens gestopft wurde, um den Menschen in Linden den beginnenden Sommer zu vermiesen.

weiter…

Die Nerven liegen blank…

Der folgende Ausriss und alle Zitate sind der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung vom 2. April entnommen, der relativ kleine Artikel zum monströs großen, kommunalen Skandal findet sich gut versteckt auf Seite 18.

Die Nerven liegen blank - Stillstand im Ihme-Zentrum - Die Sorge der Anwohner im Ihme-Zentrum wächst. Fünf Wochen nach dem Ausscheiden von US-Investor Carlyle sind die Außenstände auf dem Konto, mit dem die Betriebskosten des Komplexes finanziert werden, weiter gewachsen. Die Summe habe sich inzwischen auf rund 800.000 Euro summiert...

Hier hat sich die hannöversche Milliardärspresse einmal mehr der Aufgabe entledigt, ein bisschen simulierten Journalismus zu betreiben — und die Form, in der sich dieses zu Unrecht in hohem Ansehen stehende Blatt dieser Aufgabe entledigt hat, lässt einen deutlichen Blick auf den Chrakter derer zu, die so etwas schreiben lassen, auf toten Bäumen drucken lassen und veröffentlichen. Immerhin, eines ist daran verhalten zu loben: Im Artikel wird nicht mehr das marketingbesoffene Unwort vom „Lindenpark“ verwendet, wenn die Ruine zwischen der Ihme und der Blumenauer Straße benannt werden soll. Es ist gerade erst eine Handvoll Wochen her, dass die HAZ dieses Wort ohne eine Spur von erkennbarer Kritik in ihre Schlagzeilen gestempelt hat, den fühlenden Lindenern zur Last und einer Horde durchgeknallter Investoren zur Freude.

Aber kommen wir einmal zum Text, den der simulierte Journalismus hier produziert hat:

Die Sorge der Anwohner im Ihme-Zentrum wächst.

Bevor auch nur ein inhaltliches Wort unter der Überschrift steht, erfreut der Artikel mit dem sprachlichen Kunstgriff von den „Anwohnern im Ihme-Zentrum“. Das klingt ja auch gleich ganz anders als „Bewohner des Ihme-Zentrums“, er vermag viel besser die Tatsache zu verbergen, dass zurzeit Menschen in einer Ruine leben, die in äußerst verantwortungslose Art und Weise von einem gescheiterten Versuch der großen Gewinnschöpfung zurückgelassen wurde. Offenbar findet sich da auch kein Bewohner mehr, der sich von irgendwelchen Versprechern und Versprechungen zu dümmlichstem Jubel hinreißen lässt, wie man es noch vor vier Monaten augenreibend in einer als journalistischem Produkt getarnten Reklame lesen konnte.

Nur, damit das so klar wird, wie es klar werden sollte: In dieser Ruine leben Menschen!

Fünf Wochen nach dem Ausscheiden von US-Investor Carlyle dind die Außenstände auf dem Konto, mit dem die Betriebskosten des Komplexes finanziert werden, weiter gewachsen.

Wie erstaunlich, dass es nicht einfach Geld vom Himmel auf ein Konto regnet, nicht? Das tut es doch sonst immer, oder?

Die Summe habe sich inzwischen auf rund 800.000 Euro summiert, sagt Monika Großmann von der Bürgerinititive „Linden Ihme-Zentrum“.

Und so summiert sich die Summe, während das Geschwafel schwafelt und die jornalistische Blindheit blendet. Die nahe liegende Frage, wer für diese Entwicklung verantwortlich ist, vielleicht sogar haftbar zu machen ist, stellt niemand — dabei wäre das angesichts des größten kommunalen Millionenloches einmal so eine richtig gute Frage. Aber für gute Fragen und für die Klärung solch guter Fragen war die HAZ noch nie so recht zuständig.

Sie und die rund 500 anderen Wohnungsbesitzer befürchten, auf den laufenden Kosten für das gesamte Zentrum sitzen zu bleiben, das derzeit unter Zwangsverwaltung steht. „Es gibt kein Signal, wann das Geld überwiesen wird — die Nerven liegen hier langsam blank“, sagt Großmann.

Das Insolvenzverfahren gegen Carlyle ist noch nicht eröffnet worden. Derzeit prüfen die vorläufigen Insolvenzverwalter, ob bei den neun Projektgesellschaften des Ihme-Zentrums genug Vermögen vorhanden ist, um die Gläubiger zu bedienen.

Nun, angesichts der Tatsache, dass der gesamte „Lindenpark“-Versuch auf Pump über die Bühne gehen sollte, scheint das Ergebnis einer solchen Prüfung schon klar zu sein. Aber vielleicht wird das Geld ja bei einer sorgfältigen Zählung vermehrt…

[…] Die laufenden Einnahmen […] sind vor allem Mietzahlungen von Stadt und Stadtwerken von rund 6,2 Millionen Euro pro Jahr.

Die paar laufenden Einnahmen sind vor allem „dummes Geld“, also das Geld anderer Leute, das von Stadt und ehemals städtischen Institutionen ohne eine Spur der Vernunft verschleudert wird. Es steht zu erwarten, dass auch die Fehlbeträge mit derartigem „dummen Geld“ beglichen werden — und die Bürgen Bürger der Stadt sind die Dummen.

Offenbar sei das von Carlyle hinterlassene Firmengeflecht so komplex, dass schnelle Entscheidungen verhindert würden, sagt Großmann.

Alles andere hätte mich auch erstaunt. Warum sollte bei einem derartigen Unterfangen auch mit durchschaubaren Strukturen aufgetreten werden — es ging doch vor allem um das schnelle, heuschreckartige Absahnen und anschließende Verschwinden mit dem Profit. Transparenz ist da nur hinderlich.

Aber es gibt auch eine „gute“ Nachricht, die von der HAZ vermeldet wird:

[…] Zugleich liefen Vorbereitungen, die nach dem Baustopp stillgelegte Tiefgarage wieder zu öffnen. Um diese verkehrssicher zu machen, müssen dem Vernehmen nach etwa 250.000 Euro investiert werden.

Zwar ist das Menschenschließfach aus den Siebziger Jahren nur noch eine unbewohnbare Ruine, aber Autos soll man schon bald wieder abstellen können. Das ist doch toll! Da muss doch gleich noch ein bisschen Geld reingebuttert werden! Ist ja auch nur so eine Viertelmillion Euro! Am besten geschieht dies in der gewohnten Planlosigkeit, und am besten werden genau jene Unternehmen mit dem Aufmöbeln der Ruinen-Garage beauftragt, die in den vergangenen anderthalb Jahren schon „Erfahrung“ mit der Geldverbrennung im Ihme-Zentrum gesammelt haben.

Wisst ihr eigentlich, wie man den architektonischen Stil des Ihme-Zentrums nennt? Obwohl einem beim Anblick dieser körperverletzenden Scheußlichkeit der Hals so anschwillt, dass die Worte nicht mehr kommen wollen, ist den Architekturhistorikern ein Wort für diesen vom rohen Beton und den sichtbaren Strukturen der Holzverschalungen geprägten Stil eingefallen. Sie sprechen vom „Brutalismus“ — und in der Tat, das ist ein trefflich Wort! Jedes Mal, wenn man dieses Mahnmal sieht oder darüber liest, ist es wie ein Schlag in die Fresse.

Vielleicht sollte sich einfach eine Bürgerinitiative gründen, die veranlasst, diesen Zeugen der wichtigen europäischen Stilepoche des Brutalismus unter Denkmalschutz zu stellen, damit er mit öffentlichen Mitteln in den „Auslieferungszustand“ zurück versetzt werden kann. Das wäre zwar scheußlich, aber bei weitem nicht so übel wie der jetzige Zustand. Dass „Denkmäler“ keineswegs schön sein müssen, belegt die zwar außerhalb Lindens, doch in Blicknähe stehende BBS 4, die ebenfalls unter Denkmalschutz steht.